Kalenderblatt 2011

 

 

Verein für Ortsgeschichte Winterhausen

 

Kalenderblatt März

Vor 700 Jahren: Winterhausen wird wieder einmal verpfändet

 

Am 12. März 1311 gibt Markgraf Waldemar von Brandenburg seine Einwilligung zu der durch König Heinrich VII. vorgenommenen Verpfändung der Reichsgüter über dem Main (bonorum supra Mogum) an Albert von Hohenlohe. Diese Reichsgüter bestehen aus "Sumerahusen, Winterahusen, Lindelbach et curiam Lüzelvelt", wovon der Hof Lützelfeld (auch Lützelhof) bei Randersacker im 15. Jahrhundert zur Wüstung verfiel, die bei der derzeitigen Autobahnerweiterung weiter dezimiert wurde.

Die zu den Reichsgütern über dem Main zusammengefaßten Dörfer waren Verfügungsgut des jeweiligen deutschen Königs und wurden immer wieder verpfändet, wenn dieser in Geldnot war. Nach 1311 wurde die Pfandsache vom König nicht wieder eingelöst. So verblieben die Dörfer Winterhausen, Sommerhausen und Lindelbach bei den Hohenlohern. Nach dem Aussterben der Linie Hohenlohe-Speckfeld im Mannesstamm im Jahre 1412 kamen sie durch Erbgang und Zukauf schließlich 1435 in den alleinigen Besitz der Limpurger.

Markgraf Waldemar von Brandenburg war zu dieser Zeit einer der sieben Kurfürsten und hatte Besitzungen in Franken. Daher mag es kommen, dass seine Einwilligung zur Verpfändung der Reichsdörfer am Main nötig war.

 

 

Kalenderblatt April

Vor 275 Jahren: Streit um die Judenschule

 

Im Jahre 1736 beklagt die Limpurg-Speckfelder Gräfin in Einersheim bei ihrem mitregierenden "Gevatter" in Obersontheim, daß die Juden aus Winterhausen und Sommerhausen trotz Verbots am Sabbat ihre Schule (Gottesdienst) abhielten.

Die Juden der beiden Orte besaßen von alters her eine Erlaubnis zum Abhalten der Schule. Auf Drängen der beiden Gemeinden wurde 1722 von der Herrschaft ein Dekret erlassen, wonach die Juden bei 20 Taler Strafe zum Sabbat nicht zusammenkommen dürfen, sondern in ihren Häusern bleiben müssen.

In einem Brief berichtet die Speckfelder Gräfin, dass die Winterhäuser Juden dennoch seit Jahr und Tag in des Abrahams Haus zusammengekommen seien und Schule gehalten hatten. Man habe es immer vermutet, jetzt könne man es beweisen. Da das die Sommerhauser Juden sähen, kamen sie nun auch zusammen. Die beiden Gemeinden betrübten sich darüber sehr, dass sie trotz der mit großen Kosten erwirkten Dekrete nicht geschützt wurden.

Schließlich teilt die Herrschaft mit, dass es beim Schulverbot bleibt. Die Juden sollen sich vielmehr um die Erneuerung ihres Schutzes bemühen oder der "gäntzlichen Ausschaffung bey halßstarriger Verweigerung gewärtig sein". Die "Schutzjuden" genossen gegen Leistung besonderer Abgaben den Schutz der Obrigkeit.

 

 

Kalenderblatt Mai

Vor 1025 Jahren: Altes Ahusen, uraltes Husun

 

In einer Steininschrift aus dem Jahre 986 im Kreuzgang des Würzburger Andreasklosters (des heutigen Klostern St. Burkard) werden unter den Gütern und Einkünften des Klosters unter anderen die Orte "Ahusen, Buchelit et Altertheim" genannt, wobei mit Ahusen das heutige Winterhausen und Sommerhausen gemeint ist. Der Würzburger Bischof Hugo hatte dem Kloster entsprechende Schenkungen gemacht. Die Inschrift ist nicht mehr erhalten, wird aber in verschiedenen alten Schriften wörtlich wiedergegeben.

Weit größere Orte können oft nicht eine solche frühe Erwähnung vorweisen! Die erste bekannte Erwähnung von Ahusen reicht aber noch viel weiter zurück. In seiner Lebensbeschreibung des heiligen Burkard erwähnt der Mönch Eingilhard, dass der von Bonifatius zum ersten Würzburger Bischof geweihte Burkard im Jahre 742 mit der fränkischen Herzogstochter Immina einen Tausch vollzogen hatte. Imminas Marienkloster auf dem Marienberg zu Würzburg ging dabei mit den dazugehörigen Orten "Husun, Altheim et Buchelitan" den Bischof.

So gesehen hatten die Gemeinden Winterhausen und Sommerhausen im Jahre 1992 ihre 1250-Jahr-Feier begehen können.

 

 

Kalenderblatt Juni

Vor 425 Jahren: Limpurg gegen Wolffskeel

 

Am Reichskammergericht ist 1586 die Klage des Schultheißen Klaus Billing (bekannt auch aus der Inschrift am Winterhauser Kirchturm), des Magisters Artium und Gerichtsschreibers Melchior Schott und des Gerichtsverwandten Hans Jacob aus Winterhausen gegen die Bruder Wolf, Bartholomäus und Hans Wolffskeel zu Reichenberg und Rottenbauer anhängig. Die Klage wurde auf Befehl der Gräfin Adelheid von Limpurg-Speckfeld erhoben. Die Gebrüder Wolffskeel habe man auf der Winterhäuser Gemarkung beim Jagen angetroffen, worauf diese und ihre Begleiter mit Büchsen auf die Kläger einschlugen und sie in Rottenbauer gefangen setzten. Die Kläger beanspruchen Schadensersatzzahlungen in Höhe von 1000, 1500 bzw. 300 Gulden. Die Beklagten geben an, der Zwischenfall habe sich auf der Gemarkung von Rottenbauer ereignet und weisen den Vorwurf der schweren Körperverletzung zurück.

Vor dem seit 1495 bestehenden Reichskammergericht wurden Streitigkeiten zwischen den Landesherren, aber auch Klagen von Untertanen gegen ihre Obrigkeit verhandelt. Das Gericht war berüchtigt dafür, dass sich die Prozesse unglaublich in die Länge zogen; es wurde deshalb auch "Reichsjammergericht" genannt. In dem vorliegenden Fall dauerte der Prozess 25 Jahre; der Ausgang ist nicht bekannt. Es ging das Gerücht, beim Reichskammergericht seien die Akten mit Schnüren am Dachboden aufgehängt. Waren die Schnüre dann irgendwann durchgefault, fielen die Akten herunter und wurden von den Richtern bearbeitet.

 

 

Kalenderblatt Juli

Vor 375 Jahren: Pfarramt mit Witwe

 

Nach zweijähriger zwangsweiser Etablierung eines katholischen Priesters durch den Würzburger Fürstbischof wird 1636 mit Johann Wilhelm Treu wieder ein evangelischer Pfarrer in Winterhausen eingesetzt. Er wurde um 1608 in Herbolzheim als Sohn eines Pfarrers geboren und war der Enkel des mutigen, 1585 in Würzburg gefangen gesetzten Winterhäuser Pfarrers Vitus Treu.

Johann Wilhelm Treu studiert ab 1629 in Jena, ist ab 1632 Pfarrer in Herchsheim/Giebelstadt und heiratet 1633 in Marktbreit. Nach dem Tode seiner Frau ehelicht er die Witwe seines Winterhäuser Amtsvorgängers Bartholomäus Nagel. (Eine damals nicht selten anzutreffende, sehr praktische Vorgehensweise!) Von 1638 bis 1640 hat er gleichzeitig die Pfarrstelle Herchsheim/Giebelstadt inne. Er gibt sein Amt 1660 auf und lebt bis zu seinem Tod am 30. April 1674 als Privatmann in Winterhausen.

Im Jahre 1649 beherbergt Johann Wilhelm Treu für einige Zeit Melchior Adam Pastorius, den späteren Bürgermeister der Reichsstadt Windsheim und Vater des deutsch-amerikanischen Siedlerpioniers Franz Daniel Pastorius. Treus Stiefsohn Bartholomäus Nagel war mit Pastorius ein Jahr lang in Europa herumgereist und konnte das von diesem geliehene Geld nicht zurückzahlen. Nach der Weinernte bezahlt Johann Wilhelm Treu die Schulden.

 

 

Kalenderblatt August

Vor 400 Jahren: Beleidigungen vor Gericht

 

Im Juni 1611 wird vor dem Winterhäuser Rüggericht die Beleidigungsklage des Vierers (Feldgeschworenen) Hans Feuerer gegen den Kramer Georg Hasenleuffer wiederaufgenommen. Hasenleuffer und Feuerer sind "alte Kunden" vor Gericht, wahre Prozesshansel.

In einem früheren Verfahren war Hasenleuffer verurteilt worden, weil er Feuerers Vater als Schelm und Dieb bezeichnet hatte. Im Vorjahr hatte Feuerer vor Gericht beklagt, dass Hasenleuffer ihn selbst einen Spitzbub geheißen habe, der es nicht verdiene, dass ein redlicher Mann mit ihm ein Seidlein Wein trinke, dass er ein Hurenkind gezeugt habe, selbst ein Hurenkind sei und wohl auch keinen Geburtsbrief besitze (eine Urkunde, welche die eheliche Abstammung bestätigt).

Zu seiner Rechtfertigung hatte Hasenleuffer vorgebracht, dass Feuerer einem Goßmannsdorfer in einem Rottenbauerer Wirtshaus Geld gestohlen und in Winterhausen beim Kartenspiel betrogen habe. Was das Hurenkind anbelange, so habe Feuerer mit der ersten Frau von Hans Ott auf dem Dachboden über dem Langhaus der Kirche ein Kind gezeugt. Feuerer hatte all dieses bestritten.

In der 1611er Neuauflage das Verfahrens weigert sich Hasenleuffer, auf die Klage überhaupt zu antworten und möchte die Sache vor einem höheren Gericht verhandelt wissen. Nach langwierigen Verfahrensfragen wird die Klage schließlich wegen ihrer "Weitläufftigkeit" an das höhere Gräflich-Limpurgische Gericht in Sommerhausen verwiesen.

 

 

Kalenderblatt September

Vor 275 Jahren: Stiefbruder bei der Kirchweih erschossen

 

Der Winterhäuser Jurastudent Georg Ernst Billing schreibt 1736 einen untertänigen Brief an die Limpurg-Speckfelder Gräfin in Markt Einersheim. Es wäre ihr sicher bekannt, dass auf der Kirchweih vor zwei Jahren sein Stiefbruder Johann Bernhard Fuchs jun. durch einen fatalen Schuss sein Leben eingebüßt hätte. Nun sei er in Verdacht geraten, dass er etwas damit zu tun habe. Obwohl dafür nicht der geringste Beweis vorliege, habe er mit Herzens-Schrecken vernehmen müssen, dass er nicht nur für die ärztliche Behandlung und die Sektionskosten aufkommen, sondern darüber hinaus auch noch 50 Gulden Strafe zahlen solle.

Weder der Chirurg noch der Doktor habe, obwohl die Leiche gänzlich zerschnitten wurde, eine Kugel gefunden. Also gebe es doch überhaupt kein Corpus Delicti. Außerdem habe es zwischen ihm und seinem Stiefbruder eine intime Freundschaft gegeben. Auf seinem Schmerzenslager habe dieser gesagt, dass man Georg Ernst kein Leid antun solle, weil er gänzlich unschuldig sei. Gott hatte ihm seine Zeit so bestimmt.

Georg Ernst Billing wendet nun all sein auf der Universitat gelerntes Juristen-Latein an, um die Gräfin zu beeindrucken. Schließlich bittet er um den Erlass der Strafe. Die Reaktion der Gräfin ist in den Akten nicht verzeichnet.

 

 

Kalenderblatt Oktober

Vor 950 Jahren: Ein Priester stiftet einen Weinberg

 

Der Priester Wetmann übertragt im Jahre 1061 an das Kloster St. Peter (dem späteren Stephanskloster in Würzburg) Weingarten u.a. am "Brunnberg" (dem Winterhäuser Bromberg) unter der Bedingung, dass seine Nachkommen gewisse Eigentumsrechte behalten. Interessant ist, dass der Priester offenbar nicht ehe- bzw. kinderlos lebt. Der Zölibat wird in der Kirche erst etwas später wirklich verbindlich.

Die Familie Wetmann scheint eine der einflussreichen Winterhäuser "Urfamilien" zu sein. Sie lässt sich im Ort mindestens bis ins 16. Jahrhundert nachweisen. Hervorzuheben ist hier Martin Wetmann, der 1464 am Marienaltar der St.-Nikolaus-Kapelle in Winterhausen eine Frühmesse stiftet. Das bedeutet, dass seine Familie die Einkünfte aus Gütern stiftet, mit denen der die Messe zelebrierende Priester bezahlt wird. Auf diese Priesterstelle sollen in erster Linie Nachkommen des Stifters gelangen. Das Vorschlagsrecht stehen Wetmann und nach seinem Tode der Gemeinde Winterhausen auf immer zu. Bei einer Wiederbesetzung im Jahre 1520 ist kein Glied der Familie Wetmann für die Stelle geeignet. Allerdings warte man auf einen Wetmann zu Rom, der noch nicht nach Winterhausen zurückgekommen sei.

 

 

Kalenderblatt November

Vor 400 Jahren: Seuchen und Friedhofe

 

Im Jahre 1611 sterben mehr als 100 Winterhäuser Einwohner an der Pest, vor allem in den Monaten Oktober und November. Bereits 1607 hatte es eine Pestepidemie gegeben. Dabei war die Herrschaft bemüht, rechtzeitig Vorkehrungen zu treffen und Krankenwärter, Leichenträger usw. zu finden, bevor die "schwebende und regierende Erbseuche" Winterhausen erreichen und "der Sterb alhir ebenmessig einreissen würde" (Rüggerichtsbuch Winterhausen).

Die wohl schlimmste Pestepidemie sucht Winterhausen im Jahre 1634 heim, als allein im Herbst des Jahres 262 Einwohner der Seuche zum Opfer fallen. Da der Friedhof im heutigen Kirchenvorhof schnell zu klein wird, muss ein "Pestfriedhof" im heutigen Pfarrgarten (an der Heidingsfelder Straße neben dem Kindergarten) angelegt werden. Das Dorf soll teilweise verödet gewesen sein, und ganze Straßen waren nicht mehr bewohnt, in denen dann das Gras wucherte.

Die nächste Friedhofserweiterung geschieht auch wieder wegen einer Seuche. Vor 200 Jahren sterben so viele Einwohner an einer Ruhrepidemie, dass der um die Kirche herum innerhalb der Kirchenmauern gelegene alte Friedhof nicht mehr ausreicht. Durch Ankauf eines Feldes an der Westseite der Kirche entsteht der heutige Friedhof.

 

 

Kalenderblatt Dezember

Vor 200 Jahren: Der berühmteste Winterhäuser wird geboren

 

Am 11. Dezember 1811 wird der Musikdirektor, Konzertmeister und Komponist Johann Valentin Hamm in Winterhausen geboren. Der hier wenig bekannte, aus einer alten Winterhäuser Familie stammende Hamm kann wohl als der berühmteste Winterhäuser überhaupt gelten. Seine Spezialität war die Komposition von Märschen. Davon sind mehrere hundert bekannt, einige davon werden noch heute in aller Welt gespielt.

Nach seinem Musikstudium wirkte Hamm seit dem Jahr 1838 in Würzburg als Musiklehrer. Ab 1842 war er zudem Mitglied des Würzburger Theaterorchesters, später wohl dessen Musikdirektor. Im Kurort Kissingen übernahm Hamm ab 1855 das Amt des Konzertmeisters des nur in der Sommersaison aufspielenden Kurorchesters.

Der russische Zar Alexander II. begeisterte sich bei einem seiner Aufenthalte in Bad Kissingen für die von Hamm komponierten Märsche. Dieser widmete dem Zaren daraufhin drei Jubelmärsche unter dem Titel "Erinnerungen an Kissingen" und wurde mit einem Brillantring belohnt. Noch kurz vor seinem Tod am 21. Dezember 1874 komponierte er den "Bismarck-Rettungs-Jubel-Marsch" aus Freude über das Misslingen des Attentats auf den Reichskanzler Otto von Bismarck während dessen Kuraufenthalts in Kissingen.

Werner Luksch hat über viele Jahre eine große Zahl von Informationen, Dokumenten und anderen Exponaten über Johann Valentin Hamm zusammengetragen, die in einer vom Verein für Ortsgeschichte geplanten Ausstellung über das Winterhäuser Musikleben gezeigt werden sollen.