Kalenderblatt 2014

Januar 2014: Vor 275 Jahren

Die große Abrechnung für das neue Rathaus


Die Inschrift an der Straßenseite des Rathauses besagt, daß dieses in den Jahren 1738 und 1739 erbaut worden sei, was so nicht richtig ist: Es wurde ausschließlich im Jahr 1738 erbaut. So steht es auch ganz korrekt über der Rathaustür. Am 6. Januar 1739 legte aber der Bürgermeister Stierlein am Ende seiner Amtszeit Rechnung über den Neubau ab. Und da kann man noch heute genau nachlesen, wer was gemacht und wieviel er dafür bekommen hat.

Zunächst einmal müssen ja die 1569 Gulden vorhanden gewesen sein, die dieser Prachtbau kostete. Für die gutgefüllte Gemeindekasse gab es wohl zwei Gründe. Einmal waren die beiden Vorjahre sehr gute Weinjahre, die der Gemeinde fast 2500 Gulden einbrachten. Außerdem hatte man vergleichsweise wenig andere Sonderausgaben (nicht wie z. B. 25 Jahre vorher, wo man in einem einzigen Jahr über 2300 Gulden an Kriegskosten zu zahlen hatte).

In diesem Jahr 1738 ging es sehr geschäftig zu in dem kleinen Marktflecken. Handwerker von daselbst und aus vielen umliegenden Orten bis nach Würzburg und Marktbreit waren von früh bis abends tätig. Sie mußten untergebracht und verpflegt werden. Baumaterialien wurden mit Pferdefuhrwerken auf der Landstraße und per Schiff über den Main angeliefert. Der Gemeindediener lief sich die Schuhsohlen ab und bekam vom Ortsschuster außer der Reihe ein Paar neue Schuhe gemacht. Der Ratsschreiber schrieb sich die Finger wund und erhielt dafür auch etwas extra.

Bei einem solchen Vorhaben läuft natürlich nicht alles wunschgemäß. Ein Gnodstadter Bildhauer hatte die Statuen der Gerechtigkeit und Frömmigkeit über der Rathaustür "etwas rud und unförmig ausgearbeitet", so daß Bildhauer aus Ochsenfurt nachbessern und die Figuren "in eine proportionirliche Form" bringen mußten. Der Wind blies dann auch noch die gerade gefertigte Spenglerarbeit vom Dach. Zum Schluß waren es aber wohl alle zufrieden und wir können es heute noch sein.

Februar 2014: Vor 250 Jahren
Das Chormahl von 1764


Ein Ort ist stolz darauf, wenn er etwas Besonderes hat, das ihn von anderen unterscheidet (auf Neudeutsch: ein Alleinstellungsmerkmal). Bei Winterhausen muß man da nicht lange überlegen: Es ist das Chormahl! Im Jahre 1625 von der limpurgischen Herrschaft gestiftet, findet es seither in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen statt und gilt als das älteste Wunschkonzert Bayerns. Früher allerdings wurde das Festmahl des Kirchenchores als Dank für seine Arbeit von der Kirchenkasse, von einer Stiftung und von der Herrschaft finanziert. Heute verdienen es sich die Chormitglieder selbst durch ihren Rundgang im Ort mit dem Singen von Wunschliedern vor den Häusern interessierter Bürger.

Im Jahre 1764 fand auch wieder ein Chormahl statt und zwar am 26. Februar. Vor dem Mahl wurde noch eine Probe im Kantorat abgehalten, denn gesungen werden sollte auch. Bei dieser Gelegenheit wurden den Chorsängern erst einmal richtig die Leviten gelesen. Hatten sich doch einige erdreistet, nicht bei den Chorproben zu erscheinen. Andere wiederum fielen durch "garstige Zänkereyen und Streitigkeiten" unangenehm auf. Da die Sänger meist von der Frohn befreit waren und weitere Vergünstigungen genossen, konnte man solche Unbotmäßigkeiten nicht dulden. Von Strafen sah man diesmal allerdings ab; es blieb bei scharfen Ermahnungen.

Nach dieser Gardinenpredigt ging man zum gemütlichen Teil über. Dazu gesellten sich natürlich auch die Honoratioren. Aus Sommerhausen waren Amtmann Briel und Oberpfarrer Prechtlein mit dem Schelch über den Main gekommen. Aus dem Ort selbst erschienen Amtsschultheiß Steininger, Pfarrer Yelin und der Ratsschreiber Ritter, der das Protokoll führte. Warum Bürgermeister Billing nicht erschien, ist unklar. Nun wurde aufgetischt, und das nicht zu knapp. Vom 1789-er Chormahl ist überliefert, daß man 150  Pfund Fleisch verzehrte. Der Wein aus dem Herrschaftskeller floß in Strömen. Über das Ende der Veranstaltung schweigt das Protokoll.

März 2014: Vor 300 Jahren

Der lange schwarze Hans wird gehenkt

 

Die Dauch sind eine der wohlangesehenen Winterhäuser Familien. Man erinnere sich nur an den Bierbrauer Kaspar Dauch, der 1803 die Mauritiuskirche und das alte Pfarrhaus ersteigerte.  Oder an Christian Dauch, der um 1900 Bürgermeister in Winterhausen war. Aber auch in solchen Familien gibt es schwarze Schafe. Gern werden sie aus der familiären Tradition verdrängt. Der neutrale Betrachter sieht das anders: Ein schwarzes Schaf hat immer einen höheren Unterhaltungswert als ein braver Bürger.

In diesem Sinne ist auch Hans Dauch interessant, der um 1670 in Winterhausen geboren wurde. Welchen Beruf er erlernte ist nicht bekannt. Aber irgendwann geriet er auf die schiefe Bahn und erlangte unter dem Namen langer schwarzer Hans traurige Berühmtheit. Zusammen mit zwei Komplizen verübte er über 80 Diebstähle im Hohenlohischen und dessen Nachbarschaft. Sie stahlen nicht nur aus blanker Not, Stehlen war ihnen"Kunst, Handwerk, Lust und Gewohnheit". Im hällischen Arnsdorf raubt Hans Dauch mit seinen Komplizen sogar zwei Kirchen aus.

Das Trio wurde schließlich gefaßt. Einer der Komplizen erhängte sich im Kerker. Der andere und Dauch bekannten teils freiwillig, teils bei der Tortur mit Daumenschrauben und spanischen Stiefeln ihre Untaten. Da der Fall so umfangreich war, wurde die Juristenfakultät in Tübingen damit befaßt. In der ausführlicher Urteilsbegründung vom September 1713 wird besonders darauf hingewiesen, daß die Straftaten ohne Not, mehrfach und mit großer Gewalt ausgeübt wurden. Daraus folge ohne Zweifel, "daß dieselben Ihrer begangenen und bekannten Missethat wegen, ihnen selbsten zu wohlverdienter Straffe und anderen zum abschröckenden Exempel, dem Scharffrichter an seine Hand und Band gelieffert, von selbigen an gewöhnliche Richtstadt geführet, und allda mit dem Strang vom Leben zum Todt gerichtet werden sollen." Das Urteil dürfte Anfang des Jahres 1714 vollstreckt worden sein.

April 2014: Vor 175 Jahren

Der Seelsorger als IM?

 

Im Frühjahr 1839 machte sich die Kreisregierung Sorgen um die öffentliche Ordnung und Sicherheit. Sie erließ neue Verhaltensmaßregeln oder wies auf schon bestehende hin. Der Herrschaftsrichter Mayer aus Sommerhausen präzisierte das für die einzelnen Gemeinden, unter diesen auch Winterhausen. Da soll etwas gegen die Wilddiebereien getan werden, die nicht enden wollen. Auch die unter Polizeiaufsicht gestellten Personen und alle Fremden müssen besser im Auge behalten werden. Die Gemeindeverwaltungen sollen schließlich "die Häuser, in denen die Zucht eines guten Bürgers abgeht, genau kennen", damit diese "nicht zu Schlupfwinkeln schlechten Gesindels oder liederlicher Burschen herabsinken".Da hatte die Gemeinde Winterhausen einiges zu tun. Aber es gab ja den Gemeindediener Höchstetter und die Nachtwächter Müller und Nappert, die sogleich über ihre neuen Pflichten belehrt wurden und die Kenntnisnahme unterschreiben mußten. Der Nachtwächter Müller tat das mit drei Kreuzen +++. Diese drei Amtspersonen sollten vermutete Schlupfwinkel und zwielichtige Personen sofort der Obrigkeit melden und einer strengen Beobachtung unterwerfen. Aber der Herrschaftsrichter konnte sich noch weitere Helfer vorstellen. Er meinte, die "Herren Geistlichen, denen wegen ihres Seelsorgeramtes vielfache Gelegenheit zur Kenntnisnahme der häuslichen Verhältnisse der Gemeindeglieder zu Theil wird, werden es nicht fehlen lassen, stets ihre Wahrnehmungen den Lokalbehörden anzuzeigen". Da bleibt einem doch die Spucke weg. Der Autor der vorliegenden Zeilen hofft, daß der damalige, ehrenwerte Pfarrer Gustav Friedrich Prechtlein sich gegen diese Zumutung verwahrte oder sie zumindest ignorierte.Ob es diese Maßnahmen wirklich bewirkt haben, "ein Aufkommen irreligiösen gesetzwidrigen Lebenswandels unmöglich zu machen", kann getrost bezweifelt werden.

Mai 2014: Vor 500 Jahren

Ein Winterhäuser macht Karriere in Wien

 

Zum Sommersemester 1514 wurde der Magister Leonard Kiffhaber aus Winterhausen an der Artistenfakultät der Universität Wien zum "Examinator der Rheinischen Nation" bestimmt, d. h., er hatte die Studenten aus Süd- und Westdeutschland zu prüfen. Er wurde etwa 1488 geboren, über sein Elternhaus in Winterhausen ist nichts bekannt. Im Wintersemester 1504 wurde er an der Universität Wien als Mitglied der Rheinischen Nation immatrikuliert. Damals ging man schon recht früh zur Universität; Voraussetzung war eigentlich nur die Beherrschung der lateinischen Sprache. Im Jahr 1510 promovierte Kiffhaber, und spätestens 1614 war er Magister, nach heutigen Maßstäben ein Professor. Im Jahr 1526 schließlich wurde er zum Dekan gewählt.Eine erstaunliche Karriere. Man sieht: Auch aus einem Winterhäuser kann etwas werden. Wie sah es in der Vergangenheit überhaupt mit Studenten aus dem Ort aus? Wer hatte Interesse an Bildung und konnte sich das auch leisten? Aus den Matrikelbüchern einiger Universitäten ergibt sich folgende Schätzung: Von 1400 bis 1800 gab es etwa 20 Winterhäuser Studenten pro Jahrhundert. Darunter waren einige Pfarrersöhne, die meisten stammten aber aus anderen bildungsinteressierten Familien. Die mußten nicht zwingend wohlhabend sein, denn einige Winterhäuser mußten als pauper (arm) keine Studiengelder bezahlen oder erhielten einen Freitisch. Am häufigsten wurde in Leipzig studiert, dicht gefolgt von Jena und mit etwas Abstand Altdorf (wo die Nürnberger ihre Universität hatten), alles bekannte evangelische Universitäten. An den  katholischen Universitäten, darunter Würzburg, studierte nach der Reformation kaum noch ein Winterhäuser. Einzelne Studenten findet man aber im Ausland wie z. B. in Basel und Padua.

Juni 2014: Vor 150 Jahren

Die Eisenbahn kommt nach Winterhausen

 

Am 1. Juli 1864 wurde die Bahnstrecke Würzburg - Ansbach eröffnet mit einem Bahnhof in Winterhausen. Die Stadt Marktbreit hatte sich bereits 1841 für den Bau dieser Strecke starkgemacht. Die Winterhäuser waren da abwartender und teilten den Marktbreitern mit, daß man "die Richtigkeit und Nützlichkeit der fraglichen Eisenbahnleitung durchaus nicht anerkennt". Erst mit dem bayerischen Bahnbaugesetz von 1861 wurde der Bau der Strecke beschlossen und auch sofort begonnen. Als erstes wurde die Trasse abgesteckt, und schon gab es die ersten Klagen der Eisenbahnverwaltung über entwendete  Pflöcke, Mutterböden usw. Italienische Arbeiter rückten an und die Gemeinde sollte sich um Erkrankte kümmern, die schließlich im Schützenhaus untergebracht wurden.

Am 19. November 1862 kam es bei den Bauarbeiten zu einem tragischen Unfall. Der Winterhäuser Arbeiter Johann Georg Brand erlitt einen komplizierten Beinbruch und eine Rückgratverletzung. Die Gemeinde machte der Eisenbahngesellschaft eine Rechnung von 95 Gulden für ärztliche Behandlung und Verpflegung auf.

Überhaupt hatte der Gemeinderat unter dem Ortsvorsteher Friedrich Richter jetzt viel zu tun. Gegen die geplante minimalistische Ausführung von Wegeverlegungen, Überfahrten und Unterführungen wurde bauernschlauer Einspruch eingelegt: Die Unterführungen seien  zu schmal und zu wenige, für die Anlieger entstünden Umwege von bis zu 22 Minuten, die Wege seien nicht gut befestigt, Wasserabflüsse sollten über Mulden auf der Straße geschehen usw. Es kommt zu umfangreichem Schriftwechsel, Lokalterminen, neuen Entschließungen der Eisenbahnverwaltung und weiteren Widersprüchen der Gemeinde. Noch drei Jahre nach der Bahneröffnung legte der Gemeinderat eine Liste mit 20 "Mängeln und Gebrechen" bei den Wegen vor, für die es schließlich 1650 Gulden Entschädigung gibt. Erst 1872 versandete der Schriftverkehr zum Eisenbahnbau in Winterhausen.

Juli 2014: Vor 675 Jahren

Die große Heuschreckenplage

 

Die Sonnenfinsternis vom 7. Juli 1339 ließ schon nichts Gutes ahnen. Und in der Tat: Wenige Tage später verfinsterte sich der Himmel im Maintal erneut. Heuschrecken schwirrten in großen, dunklen Wolken durch die Luft und verbreiteten ein lautes Geräusch und üblen Geruch. Sie bildeten eine dicke Schicht auf dem Boden und fraßen alles kahl. Jegliches Getier verkroch sich. Das konnte nur ein Gottesgericht sein!

Zunächst wollte man die bösen Geister mit Weihwasser und Kruzifix bannen, erfolglos. Dann versuchte man sie mit Trommelwirbel, Geschrei und Glockengeläut zu vertreiben und mit sandgeladenen Büchsen in die Schwärme zu schießen. Auch das half wenig. Erst ein Dauerregen im August bereitete dem Spuk ein Ende. Die Ernte war jedoch schwer geschädigt, es folgten Teuerung und Hungersnot.

Die Plagegeister waren vom Schwarzen Meer über Ungarn und Österreich kommend bis zur Rheinebene vorgedrungen. Auch im Jahr vorher und danach gab es kleinere Einfälle. Es war die erste historisch belegte Heuschreckeninvasion in unserem Gebiet. Eine weitere und vorerst letzte ereignete sich erst wieder zwischen 1747 und 1749.

Die Ankunft der Heuschreckenschwärme reihte sich in eine Kette von unheilvollen Ereignissen ein, die diese Zeit zu einer Epoche der Katastrophen werden ließ. Es folgten 1342 das Jahrtausendereignis der Magdalenenflut (das Wasser reichte in Würzburg bis über die Domstufen) und von 1348 bis 1352 die Pestpandemie, der die Hälfte der Bevölkerung zum Opfer fiel. Es schien, als seien die ägyptischen Plagen über das Land gekommen. Flagellanten zogen sich geißelnd durch das Land, Juden wurden als Schuldige erschlagen oder verbrannt. Eine düstere Zeit.

August 2014: Vor 100 Jahren

Winterhausen im Kriegsjahr 1914

 

Die wichtigen Ereignisse des Krieges sind allgemein bekannt. Wie aber wirkte sich der Krieg und insbesondere sein Beginn in einem kleinen Ort wie Winterhausen aus? In der Pfeiffer-Chronik stehen dazu interessante Einzelheiten, von denen hier einige frei wiedergegeben werden.Am 1. August 1914 wurde mittels Anschlägen und Ausschellen die allgemeine Mobilmachung bekanntgegeben. Vor allem sammelten sich die kriegspflichtigen Jahrgänge um die angeschlagenen Bekanntmachungen. Es wurden schon bald Bahnschutzwächter mit Gewehren, Armbinden und Laternen aufgestellt. Man hatte Angst, daß feindliche Flieger die Brücken und Eisenbahnen durch Bomben zerstören könnten. Als noch verkündet wurde, daß mit Gold beladene russische Automobile Deutschland durchkreuzen, stieg die Erregung in der Einwohnerschaft aufs Höchste. Nun wurden auch sämtliche Aus- und Eingänge der Ortschaften verrammelt und mit Schutzwächtern besetzt. Ab dem 10. August verkehrten ausschließlich Militärzüge. Der Obsthandel wurde dadurch unterbunden. Die leichtverderblichen Produkte wurden an durchfahrende Krieger verteilt oder an die Tiere verfüttert. Schon wenige Wochen nach Kriegsausbruch traten Versorgungsprobleme auf. Der Weißbrotverbrauch wurde amtlich eingeschränkt und die Schlachtung von Jungtieren verboten. Vom Oktober 1914 an mußte das Brot durch Kartoffelzusatz gestreckt werden. Alle Tage kamen Einberufungsschreiben für die Männer, denen Pfarrer Bock vor dem Abmarsch Abendmahl und Segen erteilte. In wöchentlich abgehaltenen Kriegsgebetsstunden wurde ihrer gedacht. Schon bald kamen die Nachrichten von ersten Verwundeten und Toten. Bereits 1914 fielen fünf Winterhäuser.Die zurückgebliebenen älteren Männer, die Frauen und Kinder mußten die Erntearbeiten verrichten. Bis nach Abschluß der Kartoffelernte blieb die Schule deshalb geschlossen. Im großen Rathaussaal stellten Frauen und Mädchen unter Anleitung von Frau Hauptlehrer Schübel und Frau Pfarrer Bock Kleidungsstücke für die Krieger her. Zu Weihnachten 1914 wurden an die 90 Krieger von hier je ein Hemd, eine Unterhose, ein Paar Socken und Pulswärmer ins Feld gesandt.

September 2014: Vor 400 Jahren
Der Rechtsanwalt zieht das Messer

 

Was 1614 vor dem Winterhäuser Rüggericht alles verhandelt worden ist:
  • Quirinius Schmid (ein selbst am Rüggericht tätiger Rechtsanwalt) büßt 3 Pfund, weil er Hans Reinhart mit einem Messer stechen wollte, das er heimlich aus seinem Hosensack genommen hat. Hans Reinhart büßt 3 Pfund, weil er Quirinius Schmid mit trunkenen Fäusten geschlagen hat.
  • Ambrosius Zeitlers Hausfrau Apollonia büßt 5 Pfund, weil sie einen Juden und Roßhändler zu Laudenbach am Main einen Schelm genannt hat. Bewußter Jude büßt den mittleren Frevel, weil er Ambrosius Zeitlers Hausfrau mehrere Male beleidigt hat. Ambrosius Zeitlers Hausfrau Apollonia büßt weitere 3 Pfund, weil sie den Juden auf dem Rathaus im Beisein des Gerichts beschimpft hat.
  • Ambrosius Zeitler fordert von Hans Sallfelder 10 Gulden, den Schuldschein dazu habe er aber verloren. Dieses sei "schwehrlich zu glauben", meint das Gericht, und erkennt, daß "beyde Partheyen gefehlet und unrecht" hätten und spricht Zeitler lediglich 5 Gulden ohne Zinsen zu.
  • Vor einiger Zeit hat Veit Zigler von Hans Kettner einen Weingarten im Leckesel gekauft, aber bald an Hans Stümmer weiterverkauft. Der veräußert ihn dann an Jorg Bartholmeß und dieser wiederum an Valtin Diroffel. Wegen des häufigen Besitzwechsels ist nun strittig, wer nun in welchen Anteilen den Gotteshauszins, den Herrschaftszehnt und andere Abgaben zahlen muß.  Außerdem hat Kettner beim Verkauf die auf dem Weingarten ruhenden Lasten nicht angezeigt.  Das Gericht entscheidet, daß Zigler den Zins und Kettner die anderen Gerechtigkeiten tragen muß.

Oktober 2014: Vor 300 Jahren

Domkapitel gegen Bischof wegen Winterhausen

 

In einem Lehnbrief des Würzburger Bischofs aus dem Jahr 1714 wurde Winterhausen als zum Zentgericht Hellmitzheim gehörig bezeichnet (was natürlich, wie alles Nachfolgende, auch für Sommerhausen gilt). Das brachte das Würzburger Domkapitel so in Rage, daß es heftig protestierte und den Bischof zu einer Änderung dieser Aussage zwang. Worum ging es in diesem Streit?

Das Zentgericht als oberstes Gericht für schwere Straftaten unterstand direkt dem jeweiligen Landesherren. Bischof Mangold verkaufte 1295 als Landesherr die Zentgerichtsbarkeit im Würzburgischen an das Domkapitel. Dieses etablierte in Ochsenfurt sein Zentgericht, das nun auch für Winterhausen zuständig war. Im Jahr 1414 fiel Winterhausen den Limpurger Grafen zu, die als reichsunmittelbare Herren ein eigenes Zentgericht in Hellmitzheim besaßen, und daraus ableiteten, daß dieses auch für Winterhausen zuständig sei. Damit begann ein mehr als 300 Jahre andauernder Streit, der letztendlich zugunsten des Ochsenfurter Zentgerichtes ausging.

Die Limpurger erhielten aber einige Sonderrechte. So gehörten zwei Schöffen von Winterhausen zum Zentgericht Ochsenfurt. Im Jahr 1732 wurde vertraglich festgelegt, daß alle Verbrechen, die die Todesstrafe nach sich ziehen, und Diebstähle über 20 Gulden an das Zentgericht gehören.  Mittelschwere Vergehen wurden vom Zentgericht und dem Limpurgische Herrschaftsgericht gemeinsam gerichtet. Letzterem oblagen leichtere Vergehen wie Diebstahl bis 7 Gulden oder einfacher Ehebruch.

Aber auch danach gab es im Einzelfall immer wieder Streit um die Zuständigkeit, der oft länger dauerte als der Prozeß selbst. So entstand 1753 im Ehebruchsfall einer Frau aus Winterhausen ein endloser Streit über den Vorsitz bei Gericht. Im Jahre 1777 brachen sogar vom Zentgericht in Ochsenfurt entsandte Soldaten ein Ortstor in Winterhausen auf, um zwei hier arrestierte Verbrecher mit Gewalt zur Aburteilung nach Ochsenfurt zu verbringen.

November 2014: Vor 150 Jahren

Winterhausens vergessene Lehrer

 


Daß es in Winterhausen sehr gute und beliebte Lehrer gab, ist allenthalben bekannt. Weniger geläufig ist es, daß hier auch Lehrer gewirkt haben, die später Berühmtheit erlangten.
Im November 1864 kommt der 18jährige (!) Landwirtssohn Michael Georg Conrad aus Gnodstadt als Schulverweser (Lehrerstellenvertreter) nach Winterhausen. Zunächst vertritt er die vakant gewordene Knabenlehrerstelle, dann die Mädchenlehrerstelle. Schon 1865 wird er anderswo in Unterfranken eingesetzt und nimmt schließlich 1868 eine Stelle als Lehrer und Organist an der deutsch-lutherischen Schule in Genf an. Von 1871 bis 1882 hält er sich als Student, Lehrer, Schriftsteller und Journalist in Neapel, Rom und Paris auf. Dann läßt er sich in München nieder, wo er bald zu einer zentralen Figur der literarischen Bewegung des Naturalismus wird. Er gründet 1885 die Zeitschrift "Die Gesellschaft" als wichtiges Organ dieser Literaturrichtung. Von 1893 bis 1898 gehört Conrad als Abgeordneter der Deutschen Volkspartei dem Reichstag an. Er stirbt 1929 und wird in seinem Heimatort Gnodstadt bestattet.
Ein anderer bemerkenswerter Lehrer ist Johannes Breuning, der 1845 als Mädchenlehrer nach Winterhausen kommt.  Er begeistert sich für die Ideen der 1848er Revolution und wird von einer Versammlung von unter- und mittelfränkischen Lehrern nach Frankfurt geschickt, um deren Vorstellungen dort dem Schulausschuß des Parlaments zu unterbreiten. Nach zehnjähriger Tätigkeit verläßt Breuning Winterhausen. Im Jahr 1875 wird er der Gründer und erste Redakteur der vom bayerischen Lehrerverein herausgegebenen Zeitschrift Jugendlust. Diese älteste Jugendzeitschrift der Welt setzte in Inhalt und Aufmachung neue Maßstäbe und erscheint heute noch unter dem Namen floh!

Dezember  2014: Vor 300 Jahren

Eine Winterhäuser Jahresbilanz

 

Der Winterhäuser Bürgermeister wurde im 18. Jahrhundert stets nur auf ein Jahr gewählt, dann kam jemand anderes aus den ratsfähigen Familien an die Reihe. Am Ende seiner Amtszeit (Dreikönigstag) mußte er Rechnung legen. Für das Jahr 1714 machte das der damalige Bürgermeister Johann Friedrich Stierlein. Zunächst einmal waren für die Herrschaft bei den Bürgern 2621 fl (Gulden) an Steuern einzutreiben, darunter 2200 fl Kriegssteuer (spanischer Erbfolgekrieg). Für Gemeindezwecke hatte man Einnahmen in Höhe von 1179 fl und Ausgaben in Höhe von 1269 fl, also ein Defizit von 90 fl. Außerdem bestanden Altschulden in Höhe von 6650 fl, vor allem in Würzburg beim Juliusspital, beim Neumünsterstift, bei der Universität und bei der Corpus-Christi-Bruderschaft.

Die Einnahmen: Verkauf des Gemeindeweins 533 fl, Gemeindesteuern und -abgaben 320 fl, verkaufter und verpachteter Grundbesitz 142 fl, Zinsen für verliehenes Geld 100 fl, Verkauf weiterer landwirtschaftlicher Produkte 50 fl, Verpachtungen (u. a.  Gemeindeschmiede, Verkaufsläden unter dem Rathaus, Buchsturm und Mainturm) 15 fl und Verschiedenes 19 fl.

Dem standen folgende Ausgaben gegenüber: Zins und Tilgung für die Schulden 437 fl, Wein-„Umsatzsteuer“ 372 fl, Quartier- und Proviantkosten für Militär 112 fl, Besoldung für Schultheiß, Gerichtsschreiber, Nachtwächter und Gemeindediener 92 fl, Entlohnung für einzelne amtliche Tätigkeiten 99 fl, Handwerker 40 fl, Verschiedenes (wie Almosen, Abonnement für die Frankfurter Zeitung, Neujahrssingen, Bierbrauen und Fütterung des Gemeindeochsens) 113 fl.

Die Bürger zahlten insgesamt 2941 fl an Steuern und Abgaben, davon entfielen 2312 fl (79%) auf Kriegskosten.