Kalenderblatt 2015

Januar 2015

Vor 100 Jahren: Winterhausen im Kriegsjahr 1915

Im zweiten Kriegsjahr verflüchtigte sich endgültig die Illusion von einem schnellen Kriegsende.  Wesentliche Erfolge an der Front gab es nicht mehr. Im Verlaufe des Jahres 1915 fielen neun Winterhäuser Soldaten an der Front. Die Wirtschaft wurde auf Kriegsproduktion umgestellt. Leonhard Pfeiffer schreibt in seiner Chronik dazu:
Für die Rüstungsindustrie mußten fast alle Gegenstände aus Kupfer, Messing und Nickel eingeliefert werden. Kupferne Waschkessel und Wasserschiffe wurden durch eiserne ersetzt, Dachdeckungen und Rohre aus Kupfer abgenommen. Die Zinnpfeifen der Orgeln und viele Glocken (auch die Winterhäuser) mußten geopfert werden. Die Altpapierbestände wurden durch Schulkinder gesammelt und für die Verwertung bereit gestellt.


Alles Getreide wurde durch die Landesgetreidestelle beschlagnahmt, und Brot- und Mehlkarten wurden eingeführt. Pro Person wurden täglich 250 Gramm Brot gegeben. Damit reichten aber die meisten Leute nicht aus, und so begann ein Hamstern nach Brot und anderen Lebensmitteln, wodurch die Preise in die Höhe getrieben worden sind. Der Fleischgenuß wurde durch fleischlose Tage und später sogar durch fleischlose Wochen eingeschränkt.


Web-, Strick- und Wirkwaren konnten nur gegen Bezugsscheine gekauft werden. In Altkleidungsstellen sammelte man Kleider für Minderbemittelte. Alle Rohstoffe für Kleiderherstellung standen unter Zwangswirtschaft: Wolle, Baumwolle, Garn, Faden, Haare, Felle, Papier, Seide, Flachs, Vorhänge, Decken, Leder, Rinde. Tischwäsche und Bettwäsche der Gastwirtschaften wurden zu großen Teilen für Säuglings- und Lazarettwäsche eingefordert.


Ein Kriegskinderheim wurde eröffnet und unter Leitung einer Neuendettelsauer Schwester gestellt. Dieses Heim war in einem Zimmer des Schulhauses untergebracht, während die Oberklasse der Volksschule in das im 2. Stock des Rathauses gelegene alte Schulzimmer verlegt wurde.

Februar 2015

Vor 500, 600, 700 Jahren: Die Würzburger Liebfrauenbruderschaft und Winterhausen


Im 12. Jahrhundert entstand eine Bruderschaft von dreißig Vikaren der Würzburger Stadtstifte (Domstift, Stift Neumünster, Stift Haug), die sich der Armen- und Krankenpflege widmete. Dazu gehörte auch der 1320 verstorbene Priester Gottfried von Ahusen, Vikar am Neumünster. Die Liebfrauenbruderschaft besaß eine eigene Kapelle, die Liebfrauenkapelle zur Goldenen Pforte, die wegen ihrer beengten Lage am Durchfluß der umgeleiteten Kürnach auch als Finstere Kapelle am Loch bezeichnet wurde und bis 1686 bestand. (Heute steht an ihrer Stelle das Haus Domerpfarrgasse 12.) Im 13. Jahrhundert entwickelte sich die Liebfrauenbruderschaft zu einer rein geistlichen Gemeinschaft. In einem noch heute erhaltenen Seelbuch wurden Besitzverhältnisse und Stiftungen der Bruderschaft vom 12. bis zum 15. Jahrhundert festgehalten.

Die Schenkungen und Stiftungen bestanden  vor allem in Form von Rechten auf landwirtschaftliche Flächen, typischerweise Weinberge. So wurden z. B. einer Vikarie am Neumünster 20 Gulden gestiftet, um dort für eine bestimmte Person eine jährliche Seelenmesse lesen zu lassen. Die Vikarie bekam aber nicht diesen Betrag, vielmehr mußte der Besitzer eines bestimmten Weinberges in Winterhausen ihr darauf jährlich 5% Zinsen zahlen. So wird beispielsweise auch für eine Mechthild von Ahusen um 1315 eine jährliche Messe gestiftet, die bis etwa 1350 besteht.


Diese Rechte der Liebfrauenbruderschaft betrafen nach Heidingsfeld und Eibelstadt in besonderer Weise die Winterhäuser Gemarkung. In der Zeit von 1350 bis 1485 sind im Seelbuch 19 Stiftungen verzeichnet mit insgesamt 40 Morgen Winterhäuser Weinberge und Äcker. Als deren Besitzer werden die dortigen Bürger Heintz Strobel, Peter Appel, Councz Unckel, Andreas Zynck, Heincz Freitag, Heincz Heinckin, Hiltprant Wolf  „uf dem Graben“ mit seiner Ehefrau Ella sowie die Gemeinde Winterhausen genannt.

März 2015

Vor 225 Jahren: Pöbelmäßige Reden und rasende Zügellosigkeit

Die Winterhäuser und ihre Pfarrer, das ist eine besondere Geschichte! In nicht wenigen Fällen waren sie völlig zerstritten. Diesmal geht es um Andreas Christoph Heinrich Weiß, der von 1788 bis 1792 Pfarrer in Winterhausen war. Er stammte aus Markt Einersheim und studierte als Pfarrerssohn in Altdorf und Erlangen Theologie. Ab 1779 war er Vikar in Markt Einersheim und Rektor in Windsheim.


Wie den etwa 1000 Seiten Akten des Gemeindearchivs zum Fall Weiß zu entnehmen ist, kommt es schon bald nach seinem Amtsantritt 1788 zu ersten Auseinandersetzungen mit der Gemeinde. Besonders das Verhalten der Jugend im Gottesdienst erbost den  Pfarrer. Auch geht es um die Gebühren für die Amtshandlungen und um die Klingelbeutelgelder. So kommt eines zum anderen.


Die Sache eskaliert am 7. März 1790, als Weiß von der Kanzel die Gemeinde mit „unschicklichen und pöbelmäßigen Reden und Schimpfwörtern“ belegt und verkündet, daß er unter diesen Umständen keine Gottesdienste mehr halten wolle. Als er auf Druck von oben wieder dazu bereit ist, versperren ihm die Bürger den Zutritt zur Kirche und bleiben dieser wochenlang fern. Weiß ist im eigenen Haus nicht mehr sicher. Der Graf wirft den Winterhäusern „strafwürdigste Bosheit“ und „rasende Zügellosigkeit“ vor und läßt sich alle Zusammenrottungen melden. Der Amtsschultheiß Raschka wird vom Grafen beschuldigt, den Aufruhr zu unterstützen und deswegen vom Dienst suspendiert. Die Amtsgeschäfte von Weiß werden durch einen Vikar erledigt.


Nach langen schriftlichen Darlegungen des Streites seitens des Pfarrers und der Gemeinde bittet das Konsistorium (kirchliche Oberbehörde) die theologische und die juristische Fakultät der Marburger Universität um Gutachten und Urteil. Auf dieser Grundlage wird im September 1791 folgender Entscheid verkündet: Die Gemeinde muß öffentliche Abbitte tun und einen Teil der Prozeßkosten tragen. Weiß muß die restlichen Prozeßkosten und den Vikar bezahlen und nach spätestens sechs Wochen das Feld räumen. Das dauert aber noch bis zum Frühjahr 1792, als er nach Possenheim versetzt wird, wo er im Jahre 1809 stirbt.

April 2015

Vor 193 Jahren: Nächtlicher Unfug zu Winterhausen

Am 23. August 1822 wendet sich der Gräflich Rechteren-Limpurg-Speckfeldische Herrschaftsrichter Johann Ernst Stadelmann (1756-1832) an die Winterhäuser mit folgender Botschaft:
"Nach eingekommener mißliebiger Anzeige ist der nächtliche Unfug zu Winterhausen aufs höchste gestiegen und werden dabei die schändlichsten Ausgelassenheiten getrieben, auch sogar kein Eigenthum geschont und Heerden von jungen Leuten beiderlei Geschlechts, groß und klein, durchziehen lärmend und schreiend, singend und pfeifend, die ganze Nacht hindurch bis den hellen Tag die Gassen. Auch währt das Zechen in den Wirtshäusern, noch mehr aber bei den sogenannten Strauß- oder Heckenwirthen und auf dem Bierkeller, weit über die gesetzliche Zeit, woraus eben der meiste nächtliche Unfug mit entsteht."


Es sei auch Schaden angerichtet worden, nämlich wurden bei Ortsvorsteher Hamm und beim Senior des Viereramtes Ernst Friedrich Richter die Fenster eingeworfen und bei letzterem Obstbäume und Weinstöcke abgeschnitten. So etwas wäre bisher nur in Eibelstadt vorgekommen.


Stadelmann verfügt daher: Das Zechen auf dem Bierkeller wird auf die Zeit bis 8 Uhr beschränkt, in den übrigen Wirtshäusern und bei den Heckenwirten auf 10 Uhr. Das nächtliche Spazieren wird bis 10 Uhr erlaubt, aber nur sofern es ruhig geschieht.  Übertretungen werden mit 5 Gulden Strafe geahndet. „Die nächtlichen Zusammenkünfte liederlicher Weibspersonen mit den Straßenarbeitern ... müssen ganz unterbleiben und sind die zuwiderhandelnden auf der Stelle zu arretieren, die Straßenarbeiter ins Wachthaus, die liederlichen Menscher aber, sie mögen Mägde oder etwa gar Bürger-Töchter seyen, vor der Hand in das Narrenhaus oder ... in leere Schweineställe ... einzusperren, bis sie des anderen Tages behörig bestraft werden können.“ Den Eltern und Dienstherren wird aufgetragen, ihre Schutzbefohlenen rechtzeitig von der Straße zu nehmen.

Mai 2015

Vor 212 Jahren: Das Winterhäuser Spatzenkopf-Dekret


Die Herrschaft erläßt 1803 folgende „Verordnung zur Lieferung einer Anzahl Sperlingsköpfe wegen der allzugroßen Vermehrung dieser schädlichen Vögel“ (gekürzt):


1.    Muß ein jeder Bürger und Einwohner längst bis zum 1ten Junii d. J. vier Sperlingsköpfe auf das Rathhaus liefern und werden die Tage zur Lieferung besonders bestimmt werden.


2.    Wer solche nicht liefert, der muß für einen jeden Kopf vier Kreuzer Straf zum Bürgermeister Amt bezahlen.


3.    Müssen die Köpfe wenigstens von jungen befiederten und nicht von nackten kleinen Sperlingen seyen, damit man solche erkennen kann und nicht andere junge Vögelköpfe     geliefert werden.


4.    Da die Nester der Sperlinge leicht zu entdecken sind, so wird das Ausnehmen der Jungen besonders eines der sichersten Mittel zur Verminderung dieser Vögel seyn.


5.    Alles Schießen in inneren und äußeren Fluhren ist und bleibt ein für allemal bey 5 Reichsthaler Herrschaftl. Straf verbotten.


6.    Diejenigen, welche mit Schießgewehren umgehen können und Sperlinge schießen wollen, müssen vorhero die Erlaubniß bey hochlöbl. Schultheißen einholen.


7.    Welche aber nach der beschehenen ersten Ablieferung Gelegenheit haben, Sperlinge aus ihren Nestern zu heben oder solche zu fangen, können die Köpfe derselben bis zur nächsten Lieferung aufbewahren.


8.    Nach der ersten Lieferung, bey welcher man ein besonderes Register führen wird, sollen sämtliche Köpfe in Gegenwart einiger Deputirter öffentlich verbrannt werden, um allen Unterschleif zu verhüten.

Juni 2015

Vor 150 Jahren: Wetter und Ernte 1865


Aus den Aufzeichnungen des Winterhäuser Bürgermeisters Ernst Friedrich Richter.
Das Jahr 1865 war für Winterhausen insbesonders ein außergewöhnliches. Das Frühjahr schon fing mit großer Wärme an, welches sich von Woche zu Woche steigerte, wobei es größtenteils trocken war. Bis zu Anfang des Juni sich schwere Gewitter einstellten. Das erste überflutete unsere Markung derart, daß man glaubte, der jüngste Tag sei nahe. Das hoffnungsvolle Korn war besonders auf den Bergen total zerstört, und die kleinen Trauben samt den Schlötzen abgeschlagen. Die Weinberge wurden teils derart herabgeführt, daß die Leute ganze Fuhren Stroh gebrauchten, um die Gräben auszufüllen. Man glaubte bei Entladung dieses Orkans, daß die herabstürzenden Wassermassen Bergbäche wären. Die Ebene oder das flache Land glich einem See. Die Schlossen (Hagelkörner), die in seinem Gefolge waren und stellenweise vier Fuß hoch lagen, waren von der Größe eines Taubeneies.


Um ein Haar wäre auch ein Unglück auf der Bahn zu beklagen gewesen, nämlich das Gewitter führte große Stein- und Erdmassen in den Wassergraben der Wachsklinge und diese türmten sich glücklicherweise erst dann über die Schienen, als der gewöhnliche Nachmittagszug von Würzburg darüber weg war. Wäre dieser einige Minuten später gekommen, so wäre er entgleist.


Während und nach dem Gewitter war nichts als Jammers und Klagens, weil der größte Teil der Getreide- und Weinernte zerstört war. Doch war nicht alles verloren, denn die Leute mähten das Korn herunter und legten Kartoffeln dahin. Diese waren das einzige Produkt, das in diesem Jahr geriet. Das Getreide gab nur die halbe Ernte, der Most war vorzüglich, aber man konnte den Morgen nur eine Putte rechnen, welche 30 fl kostete.

Juli 2015

Vor 229 Jahren: Amtshilfe gegen den Schwarzen Bastel


Aufgrund der hiesigen recht kleinteiligen Herrschaftsverhältnisse in der alten Zeit war man bei Gerichtsverfahren oft auf die bereitwillige Mitwirkung benachbarter Herrschaften angewiesen.


So schreibt der Winterhäuser Amtsschultheiß Steininger am 28. März 1786 an den Wolfskehlischen Amtmann Braun in Rottenbauer: "Es ist dahier die Anzeige geschehen, daß der sogenannte Schwarze Bastel zu Rottenbauer über den Holz Diebstahl im Bromberg angetroffen worden. Wann nun dieser enorme Frevler nicht ohne Strafe abgehen kann, so werden Ewr. HochEdelgebohrn hierdurch dienstnachbarlich ersuchet, ersagten Schwarzen Bastel auf nechst kommenden Freitag zu Verbüßung seines Frevels Vormittag um 9. Uhr anhero auf das Rathaus zu bestellen. Diese nachbarliche Willfährigkeit wird man hier Orts bey Gelegenheit zu reciprociren ohnermangeln."


Zwei Tage später schreibt Braun zurück: "Auf Ew. WohlEdelgebohrn an mich erlassenes Requisitions-Schreiben von 28ten Merz ermangle ich nicht zu thätiger Beweisung guter Nachbarschafft den schwarzen Bastel oder Martin Nest zu Rotenbauer nach Winterhausen zum löbl. Amt zu stellen. Verhoffe aber er werde umso gütlicher behandelt werden als er mit glaubhafften Zeugnussen sich rechtfertiget das er aus dem Bromberg kein Holz entwendet."


Am 31. März findet auf dem Rathaus das Bastel-Tribunal statt, wo der Winterhäuser Bürger Mathes Röth beeidet, "daß er denselben würklich über dem Abhauen des Holzes ... angetroffen, und als er ihn darüber beschrien, gesagt habe: Jesus Maria, und sey sofort in das Hochfreyherrl. Holz  gesprungen, und nachdem er ihm zugerufen habe, schwarzer Bastel du entläufst meiner gnädigen Herrschaft nicht, ich kenne dich gar zu wohl, habe derselbe ein Hohn Gelächter aufgeschlagen."


Man glaubt dem einheimischen Zeugen mehr als dem Schwarzen Bastel mit seinen Anhängern. Dieser wird "als ein armer Mann" zu einer Geldstrafe von nur 32 Kreuzern verurteilt und habe "bey Wiederbetrettungsfall aber zu gewärtigen, daß man ihn am Leib abstrafen werde".

August 2015

Vor 482 Jahren: Das Winterhäuser Fischereirecht


Eine der ältesten Urkunden im Gemeindearchiv betrifft den Kauf des Fischereirecht (Fischwaid) im Main durch die Gemeinde Winterhausen. Das Dokument vom 6. Januar 1533 lautet, leicht gekürzt, wie folgt:


Wir, Karl Herr zu Limpurgk, des Römischen Reichs Erbschenck, Semperfrey, bekennen öffentlich für uns, unser erben und nachkommen, das wir aus gnediger wolmeynung verkaufft haben in macht dieses brieffs, unsern lieben getreuen Schulthais, Bürgermaister, und gantzer gemein unsers Dorffs Winterhausen die Fischweid. Nemlich vom marckstein am Brunberg so zwischen Heydingsfelt und Winterohausen grentzt, des Stückle am Werd, in unser weydt am Kilianswerd, die adern am werd, der Eyffelstatter furt, den langen zaun mit zugehörung, das Altwasser bey des fergen haus mit zugehörung, bis an das Wer untten an der Mül, darzu den Seylzug vom Altwasser ab uff der von Winterhausen seitten, mit aller gerechtigkait, wie wir und unsere vorfarn das ingehabt, darzu den Endreswerd, wie sie vor alters gebraucht und genossen. Darzu mögen sie auff ir seytten zu wasser und zu land, die Weyd bessern, bauen, befestigen mit werden, altwassern nach aller irer notturfft, und dem gemein nutz zuguth.


Darob wir sie handthaben, schützen und schirmen wollen für uns und unsere erben. Darumb haben uns Schulthais, Bürgermeyster, Rath und gemein gentzlich bezalt fünffhundert guldin. Dero wir sie hiermit quit, ledig und los sagen. Und das vorgeschribner ewiger Kauff stet fesst und unverbrochenlich gehalten werd. Setzen sie ein mit allen rechtenn so wir können und mögen, wie lehens recht ist. Und ein jerlichen ewigen erbzins, nemlich einen halben guldin, den sie auff einen jeden sant Marthins tag on allen abgangk antwortten und bezalen sollen. Des zu bekentnus und warer Urkhunt, haben wir Caroll Herr zu Limpurgk des Römischen Reichs Erbschenck, Semperfrey, unser angeborn Insigel an diesen Brieff thun hencken, obgeschrieben Kauff und handlung damit zu bekrefftigen, Datum uff den Obersten Nach Cristi unsers lieben Herrn geburt Fünffzehenhundert und im dreyunddreissigsten Jare.

September 2015

Vor 125 Jahren: Winterhausen erhält ein neues Schulhaus


Im Jahr 1890 wurde in achtmonatiger Bauzeit anstelle des ehemaligen Schützenhauses an der Straße nach Heidingsfeld das neue Schulhaus errichtet. Der für die damalige Zeit moderne Muschelkalksteinbau kostete 35292,83 Mark und enthielt drei Klassenzimmer und zwei Lehrerwohnungen, jedoch alles noch mit Plumpsklo (ein WC wird erst 1928 eingebaut, nachdem in Winterhausen eine Wasserleitung verlegt wurde).


Damit hatte das Kantorat als Schulgebäude ausgedient. Es wurde nun zur Unterbringung der Ortsarmen verwendet, später als Wohnung für Meßner, Lehrer und Umsiedler.
Mit der neuen Schule wurde auch eine dritte Lehrerstelle eingerichtet. Der erste Lehrer Wilhelm Schübel unterrichtete die Klassen 6 und 7, der zweite Lehrer Hugo Bächle die Klassen 4 und 5 und der dritte Lehrer Andreas Eduard Meyer die Klassen 1 bis 3, jeweils in einem Klassenzimmer.


Die Lehrer erhielten ihre Besoldung teils von der übergeordneten Schulbehörde und teils von der Gemeinde, wobei letztere die Hauptlast trug. Lehrer Schübel bekam im Jahr insgesamt 910 Mark Bargeld und 285 Mark an Naturalien wie freie Wohnung, Korn, Wein, Feuerholz und das Gras vom Kirchhof. Bächle als zweiter Lehrer mußte sich mit 810 Mark Barem und 245 Mark an Naturalien begnügen. Der dritte Lehrer hatte eine sog. Verweserstelle und bekam nur 429 Mark. Da dürften die Winterhäuser Steinhauer damals einiges mehr verdient haben. Die Zeiten des armen Dorfschulmeisterleins waren noch nicht vorbei. Die Lehrer verdienten sich deshalb oft noch etwas dazu als Kantor, Organist, Gemeindeschreiber, Kassier o. ä. oder betrieben etwas Landwirtschaft.


Das Schulgebäude wurde bis 2001 als solches genutzt, zuletzt für die 5. und 6. Klasse der Hauptschule des Schulverbandes.

Oktober 2015

Vor 200 Jahren: Komplizierte Weinlese


"Alle Jahre soll der Anfang des Herbstes von der Polizey bestimmt werden" heißt es in einer auch Winterhausen betreffenden Höchstlandesherrschaftlichen Verordnung des Großherzogtums Würzburg aus dem Jahr 1809. Gemeint war, daß die jeweilige Herrschaft den Beginn der Weinlese festzulegen hatte. Die Weinlese gestaltete sich nicht ganz einfach, da von den geernteten Trauben der Zehnt an den Zehntherren abgegeben werden mußte, exakt waren das damals 8,9%. Um die gelesene Traubenmenge genau erfassen zu können, wurden von der Herrschaft die Lesetage verbindlich festgelegt.Wenn es soweit war, schickte der herrschaftliche Zehentner einen Zehentknecht in den Weinberg, der aufschrieb, wieviele Butten geerntet wurden. Eine Butte mußte natürlich eine feste Größe haben, das waren damals 135 l.


Im Jahr 1818 ordnete der Sommerhäuser Herrschaftsrichter Stadelmann folgendes an: "Der Anfang der dießjährigen Weinlese zu Winterhaußen ist auf Dienstag den 20en laufenden Monats Oktober festgelegt, und dabei die höchsten Orts vorgeschriebene Eintheilung in Lauben folgendermaßen verfügt. Zur 1ten Laub gehören die Altenberge, die vordern Scheinsberge und die Bromberge. Zu deren Ablesung ist der Dienstag und Mittwoch bestimmt. Zur 2ten Laub die Wachs, Neulein, Böden, Roßsteig, Neuenberg, Bühl, Häußerberg und Höll. Zu deren Ablesung sind drei Tage, nehmlich Donnerstag, Freytag und Sonnabend festgelegt. Zur 3ten u. lezten Laub gehören endlich die Upthal, Holzweinberg, Würfeleiten, hintere Scheinsberg, Stiegel, Ackerweeg, Läng, Mordschenkel, untere und obere Hofstadt, die Sonnenstuhl und Rosenäcker, welche vom Sonntag den 26ten curr. an zu lesen sind."


Wer zum falschen Zeitpunkt las, nicht geeichte Butten verwendete oder die Butten zu voll machte, hatte drastische Geldstrafen zu gewärtigen. Die Anordnung enthielt auch Festlegungen bezüglich der außer dem Zehnt zu entrichtenden Gült, einer ertragsunabhängigen Abgabe auf die Ernte.

November 2015

Vor 379 Jahren: Winterhausens edle Stifter


Immer wieder hat es Winterhäuser Bürger gegeben, die für wohltätige Zwecke Stiftungen errichteten. Die am längsten bestehende Stiftung war die des Ratsmitgliedes Georg Gößwein vom 16. Dezember 1636, die wohl erst durch die Inflation von 1923 hinfällig wurde. Der Stiftungszweck wird 1806 wie folgt beschrieben: "Von den im Jahr 1636 durch den gewesenen Rathsverwandten Herrn Georg Gößwein legirten Kapital à 100 fl um von dem Zins alljährlich am Georgen Tag (23. April) Brod unter die dahiesigen Hauß Armen auszutheilen …"


Im 17. Jahrhundert wurde zwar manchmal auch den Chorsängern ein Teil der Zinsen zugestanden, aber später wurde wirklich nur Armenbrot davon gekauft. Durch Zustiftung wuchs das Kapital schließlich bis auf 118 Gulden.


Ab 1835 wurde die Stiftung vom örtlichen Armenpflegschaftsrat verwaltet. Seither gibt es auch genauere Aufzeichnungen über die Brotverteilung. Wie die Bedürftigkeit ermittelt wurde, ist unbekannt. Im Jahr 1836 beispielsweise wurden für den Zinsbetrag von 4 Gulden und 44 Kreuzer beim Bäcker Hetzel Brot und Semmeln gekauft. Neun namentlich aufgeführte Personen erhielten je ein „Laiblein Brod“ oder ein halbes. Das übrige Brot und die Semmeln wurden an Schulkinder nach augenscheinlicher Bedürftigkeit verteilt.
Ein Problem war natürlich die Inflation, man konnte beim Bäcker für die gleiche Summe immer weniger kaufen. Beginnend mit dem Jahr 1880 wurde "bei der großen Anzahl der Kinder" das gesamte Geld nur für Semmeln ausgegeben.


Weitere bedeutende Armenstiftungen hat es 1846 durch Heinrich Michels mit 125 Gulden und 1898 posthum durch Friedrich Wilhelm Adami (1821-1890) und Eva Barbara Adami geb. Miltenberger (1812-1897) mit 12000 Mark gegeben.

Dezember 2015

Vor 275 Jahren: Aus der Bürgermeisterrechnung von 1740


Es werden 2864 fl eingenommen und 2583 fl ausgegeben. (1 fl = Gulden entspricht so ganz ungefähr 100 Euro.) Wegen noch nicht bezahlter Steuern haben 77 Winterhäuser Bürger insgesamt 1796 fl Schulden bei der Gemeinde, wofür sie 5% Zinsen zahlen müssen.
Wegen eines Frostes Anfang Oktober gibt es kaum Einnahmen aus der gemeindlichen Weinernte.
Im Untergeschoß des Rathauses befinden sich ein Metzgerladen und ein anderer Laden, die für je 1,5 fl verpachtet werden. Das Schlosser-Häuslein über dem Maintor wird für 5 fl vermietet.
Das neue Wachhaus wird errichtet, leider ist keine Aufstellung der Kosten vorhanden.
Der alte Gemeindediener Caspar Steltzer ist in großer Armut verstorben, weswegen die Gemeinde seinen Sarg und den Leichentrunk bezahlt.
Ein Kommando von kaiserlichen Rekonvaleszierten aus dem Österreichischen Erbfolgekrieg macht auf seiner Flußreise in die Niederlande Nachtquartier in Winterhausen und verursacht Kosten, die auf die Bürger umgelegt werden.


Von der jüdischen Bevölkerung im Ort zahlt Mandel 120 fl für erkauftes Gemeindegut und Emanuel Joseph erhält die herrschaftliche Konzession, bis zum Ableben seines hier ansässigen Vaters eine eigene Wohnung für 265 fl kaufen zu dürfen. - Der aus dem Ort ausgewiesene Jude Benedikt hat noch 26 Schilling Schulden bei der Gemeinde, die nun abgeschrieben werden müssen, und Abraham zahlt 6 Schilling Pfennig-Zins.


Von der Gemeinde erhalten als Besoldung: Amtsschultheiß Rübel 40 fl, Mädchenkantor Kahl 40 fl, Ratsschreiber Steiniger 30 fl, Gemeindediener Englert 20 fl, die beiden Nachtwächter Schreiner und Wenert zusammen 21,5 fl, die Hebamme Fesselman 6 fl und der äußere Bürgermeister Heuning 2,5 fl.
Die Feldgeschworenen erhalten für die herbstliche Wegebesichtigung 2,5 fl; die Überprüfung der Maße und Gewichte vor der Kirchweih kostet ebensoviel. Die Fleischschätzer erhalten 2 fl.