Aus dem Archiv erzählt

Verein für Ortsgeschichte

Gemeindearchiv Winterhausen

Januar 2016

 

Seit 2010 gibt es einmal im Monat im Winterhäuser Teil des Mitteilungsblattes das Kalenderblatt, in dem aus der interessanten, wechselvollen Geschichte unseres Ortes erzählt wird. Die Tradition soll auch fortgesetzt werden, allerdings unter anderer Überschrift: Aus dem Archiv erzählt.

Der Hauptgrund für die Änderung ist die Tatsache, daß das Gemeindearchiv nach dem Umzug aus dem Haus der Ortsgeschichte in den Bauhof im Jahre 2013 inzwischen vollständig erschlossen wurde. Erst jetzt wissen wir, welche historischen Schätze die Gemeinde ihr eigen nennt. Und aus diesem Fundus wird künftig auch bei den Archiverzählungen vor allem geschöpft werden können.

Bei dieser Gelegenheit scheint es angebracht, ein paar Worte über das Archiv selbst zu sagen. Es besteht aus über 2500 Dokumenten, das älteste ist vom 10. September 1471 und betrifft die Hinterlassenschaft eines Bürgers. Es gibt natürlich noch viel ältere Dokumente mit Bezug zu Winterhausen, zurück bis 1142, aber die befinden sich leider in anderen Archiven.

Das Jahr 1700 bildet eine Zäsur. Aus der Zeit vorher sind nur 26 einzelne Archivalien im Gemeindearchiv vorhanden; sie betreffen fast ausschließlich die Rechte der Gemeinde: Fischrechte, Fähre, Mühle und Pflasterzoll. Erst ab 1700 setzt eine kontinuierliche Überlieferung ein mit Bürgermeisterrechnungen, Ratsprotokollen und vielem anderen.

Es ist interessant zu sehen, daß nicht nur administrative Vorgänge, sondern auch die Probleme und Nöte des Alltagslebens sowie die Angelegenheiten einzelner Einwohner in den Dokumenten ihren Niederschlag finden. So kann man auch das Werden und Vergehen wichtiger Winterhäuser Familien verfolgen.

Interessenten an Archivinformationen zu Personen und Sachverhalten können sich gern an den Archivbeauftragten wenden. Einzelheiten dazu sowie ein Findbuch zu den Archivdokumenten kann man auf der Netzseite der Gemeinde Winterhausen  finden:

Einrichtungen Gemeinde > Gemeindearchiv

bzw. unter
www.winterhausen.de/einrichtungen-gemeinde/gemeindearchiv/

Verein für Ortsgeschichte

Gemeindearchiv Winterhausen

Februar 2016: Die Schärfung der Aufsicht über die Hunde

 

 

Der Hund sei der beste Freund des Menschen, so sagt man. Und außerdem nützlich, so zum Beispiel als Hof-, Jagd- oder Hütehund. Daß einige Winterhäuser schon vor Zeiten dieser Ansicht waren, beweisen eine ganze Reihe von Archivakten, zumeist mit dem Titel: "Die Schärfung der Aufsicht über die Hunde".
Der am frühesten erwähnte Winterhäuser Hund war der Jagdhund von Adam Pfister. Seine Berühmtheit verdankt er dem Umstand, daß er 1735 bei Lindelbach von Eibelstädter Jägern erschossen wurde. Der Ärmste befindet sich jetzt in den Akten des Staatsarchivs Wertheim.

 
Die bayerische Bürokratie entdeckte den Hund in den 1820er Jahren als neue Einnahmequelle. Die Gemeinde Winterhausen beantragte 1837 die Einführung der Hundesteuer, weil sich mehr als zwei Drittel der Bürger dafür aussprachen. Die jährliche Hundetaxe betrug 48 Kreuzer, das wären vielleicht heute ebensoviele Euro. Der Erlös kam der Winterhäuser Armenpflege zugute; insofern übernahm der Ortspfarrer Prechtlein als deren Vorstand auch eine gewisse Aufsicht über das Hundewesen.  Eine interessante Konstellation. Wer übrigens einen Hund hielt, verlor alle Zuwendungen vom Armenfond oder von mildtätigen Stiftungen.


Jeder Hund wurde mit einem Zeichen behängt, und es wurde ein Verzeichnis der 53 Hunde angelegt. Standesgemäß hatte Bürgermeister Bernhard Miltenberger als einziger zwei Hunde. Bubenkantor Endreß konnte da nur mit einem Spitz aufwarten, damals die beliebteste Hunderasse in Winterhausen (später ist es der Mops). Ansonsten gab es im Jahre 1837 Pinscher, Pudel, Bullenbeißer, Rattenfänger, Metzger-, Dachs-, Wachtel-, Fang- und Schäferhunde. Auch deren Namen wurden festgehalten, wobei die Bürger viel Phantasie entwickelten: Amor, Mörrlein, Cosack, Putzer, Fasan, Pastor, Fidel, Mäusle, Cigaro, Waldini usw.


Von der Regierung gab es ständig neue Hundeverordnungen, vor allem wegen der Tollwutgefahr. Hundevisitationen fanden jeden Monat statt, aber auch bei besonderen Vorkommnissen. Als zum Beispiel, wie 1842 geschehen, Peter Braungardt vom Mops Putz des Bierbrauers Lorenz Dauch gebissen wurde, mußten am nächsten Tag alle Hunde an der Leine auf dem Rathausplatz dem Tierarzt vorgeführt werden. Vom Hundefänger abgeholt und dem Abdecker zur Liquidation übergeben wurden neben tollwutverdächtigen Hunden auch vor der Steuer verheimlichte Hunde, außerhalb des Ortes herumlaufende Hunde, bei Dunkelheit im Ort herumlaufende Hunde sowie Metzger- und andere große Hunde ohne Maulkorb.


Die Zahl der Hunde stieg in der Tendenz bis zum Jahre 1949, als 105 Hunde gezählt wurden, nämlich Schnauzer, Spitze, Rattler, Foxe, Dackel, Airdale, Doggen, Boxer, Drahthaar, Pinscher, Schäfer-, Hühner-, Dachs- und Hirtenhunde. Aktuell sind 95 Hunde gemeldet.

 

 

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Gemeindearchiv Winterhausen

März 2016: Ostern 1945 in Winterhausen

 

Der von 1928 bis 1958 in Winterhausen amtierende Pfarrer Seitz berichtet (leicht gekürzt):


Am Morgen des Ostersonntags setzte Artilleriebeschuß in nächster Nähe ein, so daß man bald einsah, daß die Abhaltung eines Ostergottesdienstes unmöglich ist. Die Leute begaben sich wegen der häufigen Feuerschläge in ihre Keller. Nach 9 Uhr brach ein Brand aus in Scheune und Wohnhaus Nr. 244 [Gänglein 3]. Das Feuer konnte eingedämmt werden. Als kurz nach 10 Uhr der Beschuß nachließ und die Leute aus dem Keller herausgingen und auf den Straßen sich sehen ließen, riefen schon einige: "Sie kommen von Fuchsstadt her." Gleich danach hörte man das Geräusch der fahrenden Panzer. Das Tor des Pfarrhauses bzw. -hofes war geöffnet, es trat ein amerikanischer Soldat herein. Entgegen ging ihm der Ortspfarrer und gab ihm seine Amtsbezeichnung bekannt.

Darauf verließ der Soldat wieder den Hof. Wenige Minuten später betraten zwei andere Soldaten das Haus mit der Bitte zur Toilette gehen zu dürfen. Dabei wurden einige kurze Worte gewechselt, ob es ruhig sei im Ort. Andere Soldaten durchsuchten die Häuser nach versteckten deutschen Soldaten. Einige wurden gefunden und gefangen geführt mit auf das Haupt gelegten Händen. Gegenwehr erfolgte keine, so daß die Einnahme des Ortes sich ohne Schuß vollzog. Nun wechselten Abfahrt und Ankunft der Panzer. Einige Häuser wurden beschlagnahmt für die Besatzung. Die ersten Bekanntmachungen erfolgten wie üblich durch die Ortsschelle, so daß ab 9 Uhr niemand mehr seine Wohnung verlassen dürfe.


Da der Ortsgeistliche sich im Unklaren war, ob am Ostermontag ein Gottesdienst abgehalten werden könnte, frug er durch seine Tochter Renate, Schülerin der dritten Klasse, ob der Gottesdienst stattfinden könne. Der Bescheid war bejahend. Am Ostermontag fielen nochmal Schüsse, in der Nacht sollen zwei deutsche Soldaten das Haus des Schreinermeisters Adam Braungardt, in dem amerikanische Soldaten einquartiert waren, beschossen haben. Die Ortseingänge wurden streng bewacht. 


Am Dienstag früh hörte man überall schweres Feuer von Gewehren und Geschützen. Es fanden in südlicher Richtung schwere Kämpfe statt. Um halb 2 Uhr wurde ein Soldat auf dem hiesigen Friedhof bestattet. Es nahmen an der Beerdigung keine Kinder teil, weil vormittags ein Geschoß auf der Hauptstraße zwischen Pfarrhaus und Rathaus explodiert war und vier Personen verletzt hatte. Da Sommerhausen noch nicht besetzt war, folgten Tage und vor allem Nächte mit starkem und sehr nahem Beschuß. Am Donnerstag wurde berichtet, daß die Amerikaner nun auch in Sommerhausen einziehen, von Ochsenfurt her kommend.

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Gemeindearchiv Winterhausen

April 2016: Hochrüstung in Winterhausen

 

Im Verlauf der revolutionären Ereignisse der Jahre 1848/49 kam es im März 1848 auch in Bayern zunehmend zu demokratisch und liberal motivierten Unruhen und Aufständen. Der bayrische König Ludwig I. gab einigen Forderungen der Revolutionäre nach. Das gleiche tat auf lokaler Ebene Graf Friedrich Ludwig von Rechteren-Limpurg in Sommerhausen, der sich vor allem mit den Forderungen der Winterhäuser Revolutionäre um den Schneider Vial konfrontiert sah.


Um die Situation wieder in den Griff zu bekommen, wurden von allerhöchster Stelle "alle guten Bürger" dringend aufgefordert, sich freiwillig zur Landwehr zu melden und bewaffnete "Bürgersicherheitswachen" zu bilden "zum Schutze des Eigenthums gegen die Einfälle aufrührerischer und räuberischer Garden". Die Waffen sollten aber "nur an solche Personen abgegeben werden, welche unbescholtenen Rufes sind" und eine "offene und redliche Theilnahme für die wahren Interessen des Vaterlands [ ... ] beurkundet haben".


In diesem Sinne nahm am 22. April der Winterhäuser Gemeindevorsteher Bernhard Miltenberger im königlichen Zeughaus zu Würzburg 75 "Steinfeuer-Gewehre 3. Klasse" in Empfang. Davon wurden 36 an die Bürger verteilt, die sich freiwillig gemeldet hatten;  sie mußten den Erhalt durch ihre Unterschrift bezeugen. Zum Einsatz kam der Gewehr-Schrott wohl nicht, und bereits im Dezember 1848 hatte man ihn wieder eingesammelt und wollte ihn loswerden. Weil die Sommerhäuser aber nicht mitziehen wollten und "im hiesigen Rathaus kein geeigneter Platz vorhanden" war, übernahm das Ratsmitglied Reinhard Michels die Gewehre zur Aufbewahrung in seinem Hause. Dort verblieben sie bis zur Ablieferung im Würzburger Zeughaus im September 1849. Gleichzeitig lieferten auch die Sommerhäuser ihre Gewehre ab, allerdings waren ihnen zwei abhanden gekommen ...

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Gemeindearchiv Winterhausen

Mai 2016: Die Winterhäuser Korbmacher-Bands

 

Daß die Winterhäuser ein musikalisches Völkchen sind, muß nicht betont werden. Erinnert sei nur an den Kirchenchor mit dem Chormahl (1624), den Musikverein von 1825, den musikalischen Verein von 1846/47 und den weithin bekannten Komponisten Johann Valentin Hamm.


Ein wohl kaum bekanntes Kapitel der hiesigen Musikgeschichte ist das der Winterhäuser herumziehenden Musikanten, wie diese im Ochsenfurter Beamtendeutsch genannt wurden. Es handelte sich um kleine Gruppen (Kapellen) von Musikanten, die im Unter- und Mittelfränkischen vor allem auf Jahrmärkten, Kirchweihen und bei Tanzveranstaltungen in den Dörfern aufspielten. Reichtümer waren damit nicht zu gewinnen, man erzielte etwa 60 Gulden pro Musikus und Jahr. Oft war es die Not, die dazu zwang, für die Familie ein zusätzliches Einkommen zu suchen. Beinahe alle dieser Musikanten waren vom Beruf Korbmacher, eine Profession, die zwar in Winterhausen weit verbreitet war, aber nur "einen äußerst spärlichen Verdienst" einbrachte.


Nun konnte man damals nicht einfach losziehen und irgendwo Musik machen. Zunächst mußten die Musiker nach Würzburg, um dort beim Vorstand des königlichen Schullehrerseminars vorzuspielen. Zum Beispiel tat das im November 1856 eine Gruppe von Winterhäuser Musikanten (2 x Klarinette, 3 x Trompete, Posaune, Althorn, Baßtuba), deren Leistung mit vorzüglich bewertet wurde. Eine andere, aus fünf Personen bestehende Gruppe erhielt das Prädikat sehr gut.


Jedes Jahr stellte dann der Musikant einen Antrag auf Erteilung einer Spiellizenz, in dem er seine Gründe darlegte (meistens geringes Familieneinkommen) und einige weitere Angaben machte, z. B. daß "er mit keiner Eckel erregenden Krankheit behaftet" sei. Zusammen mit einem Leumundszeugnis schickte das die Gemeinde an das königliche Bezirksamt Ochsenfurt, das im allgemeinen ihrer Empfehlung folgte.  Es erteilte dem Musikanten eine Lizenz "zum Aufspielen auf Messen, Märkten, Kirchweihen, Hochzeiten oder bei sonstigen Feierlichkeiten in öffentlichen Häusern" in Unterfranken oder Mittelfranken unter der Bedingung, daß "jeweils die besondere ortspolizeyliche Bewilligung erholt werde, daß hierdurch den Thürmern und Stadtmusikanten keine Beeinträchtigung geschehe, daß er keine unpatentisirte Spielleute sich beigeselle, seine Kinder zu andern Gewerbe verwende, sich jeder Zudringlichkeit bei seinem Aufspielen enthalte ...".


In den Dokumenten des Gemeindearchivs werden in den Jahren 1843 bis 1872 nicht weniger als 35 Winterhäuser mit Musizierlizenzen erwähnt. Angefangen haben sie meist als junge, unverheiratete Burschen. Altersmäßig ragte der Metzger Johann Georg Dürr heraus, der noch mit 68 Jahren als Musikant unterwegs war. Überhaupt waren unter den fahrenden Musikanten die Dürr und Braungardt am häufigsten vertreten. Andere Namen waren Bauer, Hiller, Höchstetter, Kümmel, Meyer, Müller, Reinhard, Schwab, Trunk und Widmann.

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Gemeindearchiv Winterhausen

Juni 2016: Das Hungerjahr 1816/17 in Winterhausen

 

Das Jahr 1816 ist als das Jahr ohne Sommer in die Geschichte eingegangen. Infolge extrem niedriger Temperaturen und anhaltender Regen- und Schneefälle kam es in Westeuropa zu einem fast vollständigen Ausfall der Ernte. Als Hauptursache hat man erst viel später den Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im Jahre 1815 ausgemacht, bei dem etwa 150 Kubikkilometer Staub, Asche und Schwefelverbindungen in die Atmosphäre geschleudert wurden.


Die Getreidepreise stiegen in der Folge, auch durch den Aufkauf des noch vorhandenen Korns durch skrupellose Händler und Wucherer. Im Juni 1817 kletterte der Kornpreis in Winterhausen auf das Siebenfache des Normalpreises. Zunächst waren nur die Armen betroffen, aber bald konnte sich auch der Mittelstand kaum noch das tägliche Brot leisten. Von April bis Juli 1817 erließ das zuständige Landgericht Ochsenfurt (entspricht unserem Landratsamt) in hektischer Folge Verordnungen, mit denen die Not eingedämmt werden sollte. Es wurden Preise festgesetzt und Strafen für Wucherer angedroht.


In dieser Situation führte der Winterhäuser Pfarrer Johann Friedrich Stadelmann monatliche Geldsammlungen für die Ortsarmen durch. Kurz vor der neuen Ernte von 1817, als die Not am größten war, redete er den Wohlhabenden des Ortes ein letztes Mal ins Gewissen: "Wie sollten wir die Armen jetzo verlassen, wo die Unterstützung ihnen am Notwendigsten ist? Ihr dürft Euch ja, Ihr Lieben, von Gott Gesegneten, nicht wehe thun, wenn Ihr von Euerem Überfluß noch etwas gebet. Darum bitte ich Euch im Namen Gottes: werdet nicht müde, Gutes zu thun!"


Pfarrer Stadelmann selbst gab 4 Gulden, der Bürgermeister Georg Christian Hamm 1,5 Gulden, der ehemalige Bürgermeister Georg Friedrich Adami, der zukünftige Bürgermeister Ernst Friedrich Richter und der Adlerwirt Georg Friedrich Kesselring je 1 Gulden. Insgesamt kamen über 23 Gulden zusammen, eine für damalige Verhältnisse recht ordentliche Summe. Dafür konnte man selbst bei der Teuerung etwa 300 Pfund Brot kaufen.

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Gemeindearchiv Winterhausen

Juli 2016: Der Pflasterkrieg mit Sommerhausen

 

Zu den alten Rechten der Gemeinde Winterhausen gehört das Pflasterzollrecht, also das Recht, von Auswärtigen eine Mautgebühr zu erheben. Am 8. Oktober 1647 verfügte Graf Friedrich von Limpurg in einem Dekret: "Befehlen demnach ... Unserm Schultheiß Bürgermeister undt Gericht allda ... von einem Jedwedern Stück, es seyen Pferdt oder ander Zuegtiehr, so entweder durch oder neben mehrbemeltem [erwähntem] Flecken gehen, Zween Neue Pfennig oder einen Dreyer unnachleßig zu erheben."


Solche Rechte wurde gewöhnlich immer wieder bestätigt und auch präzisiert. In keinem dieser Dokumente wurde aber erwähnt, ob die Sommerhäuser zu den Auswärtigen und damit Zollpflichtigen zählen. Allerdings hat es seit "unvordenklichen Zeiten", wie es in einem Schreiben heißt, die Gepflogenheit gegeben, daß die beiden Gemeinden sich gegenseitig die Pflasterzollfreiheit gewährten.
Durch die Eröffnung der Bahnstrecke Ansbach-Würzburg im Jahre 1864 mit einem Bahnhof in Winterhausen änderte sich die Situation. Nun fuhren wesentlich mehr Sommerhäuser über Winterhäuser Straßen als umgekehrt. Ein deshalb vom Winterhäuser Gemeinderat im Jahre 1870 beim Bezirksamt in Ochsenfurt gestellter Antrag auf Aufhebung der gegenseitigen Pflasterzollfreiheit wurde negativ beschieden.


Der Gemeinderat gab nicht auf und legte 1875 beim Innenministerium in München eine neue Pflasterzollordnung vor, in der, wie bisher, Sommerhausen nicht erwähnt wurde. Ahnungslos genehmigten die Münchner die Ordnung, worauf die Winterhäuser sofort begannen, von den Sommerhäusern Pflasterzoll zu verlangen. Die beschwerten sich empört und brachten vor, daß in einer Urkunde von 1666 die Zollfreiheit niedergelegt sei. Leider könne man das Dokument gerade nicht finden. Eine entsprechende Urkunde von 1819 konnte zwar vorgelegt werden, wurde aber vom Bezirksamt als offensichtlich getürkt angesehen.


Das sah also schlecht aus für die Sommerhäuser, aber auf hoher See und vor Gericht ist man allein in Gottes Hand. Das Bezirksamt kritisierte zwar die Sommerhäuser Urkundentrickserei, meinte jedoch, daß eine seit "unvordenklichen Zeiten" geübte Gepflogenheit zum Gewohnheitsrecht geworden sei und bestätigte die Pflasterzollfreiheit der Sommerhäuser.


Das Pflasterzollrecht wurde erst im Jahre 1915 aufgehoben, vor allem wegen des stärkeren Aufkommens von Kraftfahrzeugen. Eine Fahrt mit dem Automobil von Würzburg nach Schweinfurt beispielsweise hätte man auch damals in höchstens zwei Stunden bewältigen können. Da man aber in 20 Orten am Tor anhalten, den Zolleinnehmer unter der am Tor angeschlagenen Hausnummer suchen und dann den Zoll entrichten mußte, konnte das ohne weiteres zu einer Tagesreise werden.

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Gemeindearchiv Winterhausen

August 2016: Das Badedekret von 1828

 

Als der Sommerhäuser Herrschaftsrichter Cornelius Mayer im Sommer 1828 seinen Blick über den Main auf das Winterhäuser Ufer richtete, mußte er Unerhörtes erblicken. Um die Moral der Winterhäuser nicht noch weiter verkommen zu lassen, erteilte er am 20. Juni  dem Winterhäuser Ortsvorstand die Weisung, einen bestimmten Badeplatz oberhalb der Mühle, also etwas entfernt vom Ort, festzulegen und abzustecken. Zur Erklärung hieß es in seiner Verfügung:


Bei dieser Eröffnung muß man bemerken, daß man in Erfahrung gebracht hat, daß sich die Mädchen und Knaben miteinander baden und zwar zum Scandal aller Vorübergehenden.  Wie sehr dies auffallen muß, springt umso mehr in die Augen, als dadurch alles sittliche Gefühl in der frühesten Jugend erstickt wird.


Ferner baden sich die Kinder und zwar sogar diejenigen, welche kaum das 5. Jahr erreicht haben, ohne alle Aufsicht von erwachsenen Personen. Welche Unglücksfälle dadurch herbeigeführt werden können und welche Vorwürfe sich dann jeder Familienvater machen muß, wenn er sorgenlos handelt, wird sich sehr leicht erklären lassen, und man versichert sich daher zu der gewissen Überzeugung, daß ein jeder Vater die gehörige Aufsicht halten wird, daß sich seine Kinder, wenn sie noch schulpflichtig sind, nicht ohne Aufsicht erwachsener Personen baden, und sich nur dann an den bestimmten Badort baden.


Diejenigen Kinder, welche an einen anderen als an den abgesteckten Badort und ohne Aufsicht getroffen werden, haben das erstemal die Abstrafung in der Schule zu gewärtigen, das 2te mal wird man aber deren Aeltern zur Verantwortung ziehen.


Ob es gleich gegen alle weibliche Schamhaftigkeit ist, wenn sich Mädchen, selbst kleinere, an öffentlichen Orten baden, so will man es dennoch nicht ganz verbieten, nur muß das nicht in Gegenwart des männlichen Geschlechts geschehen.


Auch später sind immer wieder Verordnungen erlassen worden, in denen Badeplatz, Badezeiten, Aufsichtspflichten und Übertretungsstrafen festgelegt wurden.

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Gemeindearchiv Winterhausen

September 2016: Mohn schlägt Wein

 

Was wurde vor 185 Jahren in Winterhausen angebaut und was wurde daraus erlöst? Daß wir heute Genaueres darüber wissen, verdanken wir letztlich dem Grafen Maximilian von Montgelas, der als bayerischer Superminister von 1799 bis 1817 tiefgreifende Reformen der Verwaltung, des  Finanzwesens und der Rechtspflege durchführte. Die von ihm forcierte Zentralisierung der Verwaltung brachte ein umfangreiches Berichts- und Statistikwesen mit sich, das wohl manchen Bürgermeister zur Verzweiflung gebracht haben dürfte.


Im Gemeindearchiv gibt es eine dicke Akte aus dieser Zeit mit dem Namen Statistische Elaborate. Hier findet man die Antwort auf die eingangs gestellte Frage. Die folgende Tabelle enthält die Durchschnittszahlen für die wichtigsten Produkte über die Jahre 1827-1835.

                    erzeugt    davon verkauft        Erlös
Roggen          865 dz       59 dz                      394 Gulden
Weizen          362 dz       47 dz                      389 Gulden
Gerste           578 dz      281 dz                    1410 Gulden
Hafer             113 dz        10 dz                        49 Gulden
Kartoffeln    1698 dz       
Obst              182 dz       
Mohn             105 dz      100 dz                    1653 Gulden
Wein             2311 hl      320 hl                    1644 Gulden

Die Zahlen sind interessant. Immerhin hat jeder erwachsene Winterhäuser etwa einen Liter Wein täglich getrunken, eine ziemliche Leistung. Vielleicht taten sie das ja auch aus lauter Verzweiflung über den Weinpreis, denn der Ortsvorsteher Ernst Friedrich Richter schrieb in einem Bericht: "... so sind leider auch in der hiesigen Gemeinde Mehrere mit vielen Schulden belastet, welches zum Theil dadurch herrührt, daß die Felderzeugniße und namentlich der Wein als der Haupterlöß des hiesigen Ortes so niedrig im Preiße stehen ..." So ganz stimmt das allerdings mit dem Wein als Haupterlös nicht, denn mit Mohn wurde noch etwas mehr Geld verdient. Ein Großteil davon ging in den Verkauf. Um Mißverständnisse zu vermeiden: Damals wurde vor allem Öl aus der Mohnsaat gewonnen.

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Gemeindearchiv Winterhausen

Oktober 2016: Das Bordell im Fährhaus

 

Wo sich heute das stattliche Haus Fährweg 3 befindet, stand im Jahre 1775 das etwas heruntergekommene und baufällige Fährhaus. Abseits vom Ort, nur das Wirtshaus Schiff war benachbart. Gerade der rechte Ort, wo allerlei zwielichtige Gestalten ihr Unwesen treiben konnten. Die Obrigkeit hatte allen Grund, ein besonderes Auge auf die Idylle am Fluß zu werfen.
Das Main- und Zwerchfahrrecht (Zwerch = Quer) besaß damals der Regierungssekretär Johann Georg Adami. Der stakte natürlich nicht selbst den Fährschelch über den Main, sondern hatte dafür den Fährknecht Martin Ungemach angestellt, der mit seiner Frau im Fährhaus wohnte. Das Ungemach ließ auch nicht lange auf sich warten. Der Winterhäuser Schultheiß Steininger schildert es im November 1775 in einem "Gehorsamsten Bericht" an den Amtmann Briel in Sommerhausen wie folgt:


Schon vor einiger Zeit sei ihm berichtet worden, daß sich im Fährhaus "allerhand Weibs- und Mannespersonen sowohl Tags als Nachts aufhielten". Der ausgeschickte Rumorknecht habe dort die "vertächtige und liederliche junge Dirne" Anna Maria Hertlein aus Iphofen vorgefunden, die man ungesäumt des Ortes verwiesen habe. Auch der Ungemach sei verwarnt worden, er solle sich nicht mehr erlauben, "främde Leute zu beherbergen".


Nun habe der Rumorknecht wieder einmal im Fährhaus nachgesehen. Die Frau des Ungemach, der gerade "im Wirthshaus gesoffen", habe behauptet, daß keine fremden Leute in der Kammer seien, auch habe sie keinen Schlüssel zur Kammer. Dem Rumorknecht sei das verdächtig vorgekommen, und er habe beherzt die Kammertür eingedrückt. Dort habe gerade die bereits bekannte Hertlein durch das Fenster entweichen wollen. Er habe sie gerade noch "beim Fuß erwischt und mit dem Fenster wieder herrein gezogen, wodurch freilich geschehen, daß des Herrn Regierungs Secretarii Fenster mit zu Grunde gegangen seye".


Auch in der letzten Zeit seien wieder einige Mannspersonen im Fährhaus gesehen worden, von denen der Ungemach sagte, sie seien seine Verwandten. Das sehe doch eher danach aus, als daß "der Ungemach vor sich und seine sogenannten Vettern ... ein Bortell zu unterhalten gedencket". Um das dem Ort durch den "Beyzug dergleichen Vagabunden" drohende Unheil abzuwenden, müsse man sofort handeln.


Der Amtmann zögerte nicht und ließ die "Dirne Anna Maria Hertlein ... mit wohlverdienten Stock-Schlägen" aus dem Amt jagen. Dem Regierungsrsekretär Adami wurde bedeutet, daß er als Inhaber des Zwerchfahrrechts bessere Aufsicht auf sein Fährhaus haben solle. Dieser bedauert den Vorfall und will den Fährknecht bei passender Gelegenheit ersetzen.

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Gemeindearchiv Winterhausen

November 2016: Winterhäuser Kolonisten 1766

 

Nach dem für Preußen erfolgreichen Siebenjährigen Krieg (1756-1763) widmete sich Friedrich II. dem Landesausbau. Warthe- und Netzebruch wurden entwässert und für die Landwirtschaft nutzbar gemacht, neue Dörfer wurden angelegt. Die dafür nötigen Bauern und Handwerker rekrutierten preußische Werbekolonnen in Deutschland und Polen, etwa 11000 Personen in den Jahren 1763 bis 1775.


So kamen die Werber wohl auch nach Winterhausen, denn Anfang des Jahres 1766 erklärten acht hiesige Familien ihren Wunsch, als Kolonisten nach Preußen zu ziehen. Die Namen waren Braungardt, Englert, Feyhl, Galsker, Hamm, Heunig, Schlegel und Wiesenmeyer, insgesamt wohl über 30 Personen. Die dafür notwendige Erlaubnis der gräflichen Herrschaft erhielten sie. Vor der Abreise mußten allerdings noch Steuern bezahlt und Schulden beglichen werden, was sich nicht immer ganz einfach gestaltete.


Im April zogen die Kolonisten ab, doch bereits im Juni waren zwei Familien wieder nach Winterhausen zurückgekehrt, aus uns nicht bekannten Gründen. Es handelte sich um Ernst Braungardt mit Frau und drei Kindern sowie Adam Hamm mit Frau und vier Kindern. Sie wollten hier wieder als Bürger oder Schutzbefohlene angenommen werden. Das sorgte für große Empörung unter der Bürgerschaft, wie bei der Ratssitzung am 12. Juni vorgebracht wurde. Es sei zu vermuten, daß die Rückkehrer der Gemeinde zur Last fallen. Sie seien jetzt in noch viel unglücklicheren Umständen als vorher. Jetzt hätten sie nichts mehr, wovon sollten sie sich einrichten, Miete und Schutzgeld bezahlen?


Schon früher hätten sie eine üble Aufführung gezeigt. Ernst Braungardt sei erst vor zwei Jahren des Weinpfahldiebstahls überführt worden. Obwohl er nur Tagelöhner gewesen sei, hätten "er und seine Frau den Winter durch sich an Essen und Trinken gerne gütlich gethan". Das konnte ja nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Von Adam Hamm und seiner Frau sei bekannt, daß sie "durch liederliches und schlampiges Wohlleben" ihr Erbe durchgebracht hätten. Im letzten Jahr hätten sie im Gau Trauben verkauft, wo sie doch keinen einzigen Weinstock mehr besaßen. Auch Holz und Feldfrüchte hätten sie entwendet. Man sei doch froh gewesen, diese Leute losgeworden zu sein. Man wolle ja der Herrschaft nichts vorschreiben, aber der Hinweis sei doch angebracht, daß auch in anderen Orten dergleichen Leute nicht wieder angenommen werden.

Soweit des Volkes Stimme, die Entscheidung der Herrschaft ist in den Akten nicht enthalten.

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Gemeindearchiv Winterhausen

Dezember 2016: Die baufällige Pfarrwitwe

 

Ziemlich unerwartet verstarb am 24. Juli 1751 nach 15jähriger Amtszeit der Winterhäuser Pfarrer Johann Christian von Berg.  Der Sommerhäuser Amtmann Briel schrieb ganz betroffen: "Nur eine halbe Vierthel Stundte aber vor seinem End, öffnete sich ein ... unbekannt gewesenes Brust-Geschwiehr mit solchem Ungestüm, daß Er darüber sogleich den Geist aufgeben müßen. Er hinterläßt keine Kinder, wohl aber eine alte sehr kränklich-baufällige, äußerst betrübte Wittib."


Die Wittib hatte auch allen Grund, betrübt zu sein, denn die Zukunft konnte ihr nicht rosig erscheinen. Zu dieser Zeit gab es keine Pensionen für Pfarrwitwen (und übrigens auch keine für Pfarrer). Die Lösung des Problems bestand nicht selten in der sogenannten Pfarrwitwenkonservierung: Bei der Wiederbesetzung der Pfarrstelle bekam ein Bewerber den Zuschlag, der bereit war, die Witwe seines Vorgängers zu heiraten. Schon der Winterhäuser Pfarrer Johann Wilhelm Treu heiratete die Witwe seines 1633 an Pest gestorbenen Amtsvorgängers Bartholomäus Nagel. Ein eindrucksvolles Beispiel einer Pfarrwitwenkonservierung ist auch das aus dem Volkslied bekannte Ännchen von Tharau. Nach dem Tode ihres Pfarrer-Ehemannes heiratete sie noch zwei seiner Amtsnachfolger. Als sie den dritten Ehemann dann auch noch überlebte, war ihr ältester Sohn schon selbst Pfarrer, und sie konnte ohne eine weitere Verehelichung zu ihm ziehen.


Zurück nach Winterhausen. Bei der Baufälligkeit der von-Bergschen Pfarrwitwe bot sich eine Wiederverwertung als Pfarrfrau nicht an. So flehte sie in einem mit "Demüthige Magdt Anna Christina von Berg" unterzeichneten Schreiben an die Herrschaft um ein Gnadenjahr, das heißt um den Weiterbezug der Einkünfte ihres verstorbenen Mannes für ein Jahr. Der Amtmann Briel bemerkte zwar, daß nur ein halbes Jahr üblich sei, unterstützte aber die Bitte. Im März 1752 wurde dann vom Grafen entschieden, daß sie die Einkünfte bis zur Bestellung eines neuen Pfarrers behalten soll. Das zog sich dann aber wegen der Uneinigkeit der Gemeinde, die das Vorschlagsrecht besaß, noch etwas hin. Sicher zur Freude der Pfarrwitwe.