Aus dem Archiv erzählt

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Januar 2017: Der verschwundene Ratswein

Liest man heutige Ratsprotokolle, so muß man sich schon einen Schoppen einschenken, wenn es etwas unterhaltsam werden soll. Das war nicht immer so. Im Protokollbuch von 1766 beispielsweise kann man folgende Geschichte lesen.

Als am Abend des 9. Januar der Gemeinderat gerade bei der Steuereinnahme sitzt, kommt der Rathaus-Büttner Lorenz Nappert in den Ratssaal und berichtet von einem eigenartigen Vorfall. Bei der Mostablieferung im letzten Jahr habe er die untere Tür zum Keller der Ratsschreiberei (heute Rathausplatz 6) aufschließen wollen, diese sei aber gleich aufgegangen. Als vor drei Tagen der Mädchenkantor Veit Anselm Vollrath, der den Vorkeller nutzt, sich einen Krug von seinem Wein holen wollte, habe er die obere Falltür nicht aufmachen können. Nappert habe sie dann mit viel Mühe aufbekommen und bei der unteren Tür zum Bürgermeisterkeller festgestellt, daß sie nicht verschlossen und das Schloß manipuliert war. Zwei Tage später habe er wieder die obere Tür kontrolliert und gesehen, daß die vier unteren Riegel völlig zurückgeschoben waren, sodaß man die Tür ohne weiteres öffnen konnte.

Auch der Gotteshaus-Büttner Johann Michael Lang habe schon vor einiger Zeit gemeint, daß ihm der 1762er Wein nicht mehr so gut wie voher schmecke und vermutet, daß jemand Wein abgezapft und durch Wasser ersetzt habe. Auch erinnert Lang sich, daß die Tür bei der Ratsschreiberei in Nicolaus Singers Hof vor über einem Jahr mehrfach offengestanden habe. Der Rat beschloß, die Sache sofort in Augenschein zu nehmen und fand die untere Tür so vor, wie von Nappert beschrieben.

Am 11. Januar kommt Johann Bernhard Singer, der Bürgermeister von 1752, 1758 und 1763, in die Ratsstube und erklärt, daß ihm 1758 ein überaus starker Wein-Abgang zur Last gelegt worden sei. Die jetzt gemachten Beobachtungen wären eine Erklärung dafür. Auch habe der damalige, in dem Haus wohnende Gemeindediener Jacob Hagner in dieser Zeit zur allgemeinen Verwunderung viel Wein verkauft und sei in kurzer Zeit zu einigem Wohlstand gekommen. Auch könnte Hagner in Beziehung zu dem früheren Rathaus-Büttner Friedrich Müller gebracht werden, der sehr leichtsinnig mit dem Bürgermeisterwein umgegangen und deswegen entlassen worden sei. Er habe diesen auch einmal bei einem verdächtigen Umfüllen des Bürgermeisterweines angetroffen. Man solle doch den Hagner und Büttner dazu unter Eid vernehmen.

Singer empfiehlt, die Sache bei der Hohen Herrschaft zur Beurteilung vorzulegen. Der weitere Verlauf der Angelegenheit ist leider nicht überliefert.

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Februar 2017: Erbschaften im Mittelalter

Wenn die Winterhäuser wegen einer Erbschaft etwas gerichtlich klären lassen wollten, gingen sie vor 1500 (und auch noch später) meistens zum Würzburger Landgericht. Zum Beispiel gab es nach dem Ableben einer Person häufig den Versuch, sich über einen Gerichtsspruch einen Teil des Erbes zu sichern. Man klagte auf alles, was diese in Winterhausen und im Herzogtum Franken hinterlassen hat. Das haben nicht nur die Anwärter auf das Erbe, sondern auch Gläubiger der Verstorbenen so gehalten.

Verheiratete sich jemand nach dem Tod des Ehegatten wieder, mußten für die bereits vorhandenen Kinder Regelungen getroffen werden, um zu vermeiden, daß diese gegenüber den Kindern der neuen Ehe schlechtergestellt waren. Das Landrecht bestimmte, daß die Kinder bei Wiederverheiratung die Hälfte des Besitzes erhielten. Nun war das aber nicht immer durchführbar, so zum Beispiel dann nicht, wenn der Besitz die Ernährungsgrundlage darstellte. Als Ausweg wurde dann vor Gericht eine sogenannte Einkindschaft errichtet, bei der die Kinder der Vorehen erbrechtlich den Kindern der aktuellen Ehe gleichgestellt wurden.

Nicht immer waren die Kinder mit der Einkindschaft einverstanden. Gegen eine solche Regelung klagte im Jahre 1500 der Stiefsohn des Winterhäusers Linhardt Bauer sowie 1470 Hans Zeitler von Winterhausen für sich und seine Schwester Anna gegen seinen Vater und dessen neue Ehefrau Barbara.

Im Jahre 1459 vereinbarten der Winterhäuser Schultheiß Heinz Heiniken und seine Ehefrau Margaretha bei der Eheschließung in einem Heiratsbrief die künftigen Besitzverhältnisse. All sein Hab und Gut, ausgenommen 100 Gulden, seine Kleider und sein Harnisch, und der halbe Teil ihrer Güter sollten gemeinsames Ehegut sein. Damit war Philipp Heßler nicht einverstanden und klagte beim lokalen Gericht. Hier urteilten die Limpurger Grafen 1460, daß es bei den Abmachungen des Heiratsbriefes bleiben solle.

Auch gerichtliche Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten wurden geführt. Magdalena Preuss von Winterhausen klagte 1450/51 gegen ihren Ehemann Hans um das Hab und Gut, das sie ihm bei der Eheschließung zugebracht hatte. Das sieht nicht nach ehelicher Eintracht aus, aber eine Scheidung war nicht möglich, sondern nur eine Trennung von Tisch und Bett oder eine Annullierung der Ehe. Eine solche erreichten 1489 Stephanus Greffe von Winterhausen und seine Frau Agatha von Würzburg. Kurz nach der Trauung fiel ihnen ein, daß sie ein gemeinsames Ururgroßelternpaar hatten. Eine solche Ehe galt nach dem Kirchenrecht als nichtig.

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März 2017: Der Überfall im Mainschelch


Auf Dorfhochzeiten geht es oft hoch her. Wie es zuging, als sich der Winterhäuser Branntweinhändler Johann Georg Gundel am 7. März 1775 zum dritten Male verheiratete, verraten die Winterhäuser Ratsprotokolle. Er war recht wohlhabend und konnte sich zwei Musikanten leisten, die zum Tanz aufspielten. Das waren der 54jährige Sommerhäuser Türmer Johannes Zwanziger und der 33jährige Musikant Georg Segnitz aus Winterhausen. Neben der Entlohnung bekamen die beiden "den besten Most und satt zu trinken". Segnitz war das aber nicht genug und forderte vom Hochzeiter Branntwein. Schließlich war der ja Branntweinhändler. Gundel ließ sich nicht lumpen, und Segnitz stürzte gleich einige Gläser hinunter.

Kurz vor Mitternacht war die Feier zu Ende, und Zwanziger wollte sich zusammen mit seinem Sohn vom Fährmann nach Sommerhausen übersetzen lassen. Da bestand der ziemlich angetrunkene Segnitz darauf, sie selbst mit dem Schelch hinüberzufahren. Nach einigem Zögern nahm Zwanziger an, was er später bereuen sollte. Denn als sie auf der Mitte des Mains anlangten, verlangte Segnitz, daß Zwanziger sein ganzes Geld herausgebe. Als er sich weigerte, habe jener "das Ruder genommen und mit solchem so lange zugeschlagen, bis daselbe in Stücke gesprungen, und habe Er vor Schmertzen seinen linken Arm nicht mehr gespürt". Zwanziger bat inständig darum, an Land gelassen zu werden, aber Segnitz dachte nicht daran. Erst als er ihm ein größeres Geldstück gab, konnten Zwanziger und sein Sohn an den Böden den Schelch verlassen.

Wenige Tage später kam Segnitz zu Zwanziger, entschuldigte sich und wollte ihm zwei Gulden als Wiedergutmachung geben. Doch dieser lehnte ab. Dann kam Segnitz' Ehefrau und bat darum, die Sache geheimzuhalten; aber auch sie hatte keinen Erfolg. Zwanziger ging vielmehr am 14. März zum Sommerhäuser Amtsschultheißen Beer und zeigte die Mißhandlungen und Beleidigungen durch Segnitz an. Eine Abschrift der Anzeige wurde an den Winterhäuser Rat geschickt, so kam sie in die Ratsprotolle. Es ist anzunehmen, daß man Segnitz vor das Rüggericht in Sommerhausen gefordert hat.

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April 2017: Der Untergang des Winterhäuser Marktschiffes


Am frühen Morgen des 6. April 1679, es war ein Sonntag, machte Jakob Schwencker, der einunddreißigjährige Sproß einer alten Winterhäuser Fährmannsfamilie, am Fährhaus das Marktschiff fertig. Wer aus Sommer- oder Winterhausen den Sonntagsmarkt in Marktbreit oder den gleichzeitig stattfindenden Mittwochsmarkt in Ochsenfurt besuchen wollte, fand sich hier ein. (Das katholische Ochsenfurt hatte bereits den Gregorianischen Kalender, der dem Julianischen um zehn Tage vorauseilte.) Es regnete in Strömen, was einige Einwohner auch von einer Marktfahrt abgehalten hatte. Der Sommerhäuser Pfarrer Vitus Höllein schrieb später: "Morgends verstellte der Himmel sein Gesicht und ließ die Wassertropfen wie Thränen fallen, hiermit das Unglück zuvor zu beweinen, welches noch desselben Tages aus dem gerechten Verhängnis Gottes ergehen würde." Besser wäre man ja in die Kirche als auf den Wochenmarkt gegangen!

So nahm also das Schicksal seinen Lauf. Obwohl der Main hohes Wasser führte, verlief die Hinfahrt ohne Zwischenfälle. Mit dem Pferd des Schiffsreiters wurde das Marktschiff sicher nach Ochsenfurt und dann nach Marktbreit gezogen. Nach dem Marktbesuch fanden sich am Nachmittag 26 Personen mit ihrem Gepäck zur Rückfahrt am Fährschelch ein. Schnell und turbulent ging es bei dem hohen Wasser flußab. Schon in Frickenhausen schoß das Schiff ungebremst über das Wehr, was aber noch glimpflich abging. Vor der Ochsenfurter Brücke legte Schwencker an, um den Zoll zu entrichten und zwei weitere Fahrgäste aufzunehmen. Als man ablegte, war die Dämmerung bereits angebrochen. Da nahte mit der Brückendurchfahrt das Unheil. Das durch Schwencker nicht mehr zu beherrschende Schiff wurde durch das Ungestüm der Wassermassen gegen einen Brückenpfeiler geschleudert, wo es zerbrach und unterging. Die Insassen versuchten sich an den Pfeilern festzuhalten, um dort von den Leuten hochgezogen zu werden. Andere klammerten sich an Fässer und Bretter und versuchten so das Ufer zu erreichen. Aber nur 12 Personen konnten sich retten, die übrigen 16 kamen in den Fluten um.

Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile bis nach Sommer- und Winterhausen. "Die Gassen wurden darauff mit lauter Weh- und Achgeschrey gefüllt" berichtet Pfarrer Höllein später. Erst der nächste Tag brachte völlige Klarheit: Zwölf Sommerhäuser, drei Winterhäuser und eine Frau aus Rottenbauer waren umgekommen. Die Winterhäuser waren der Schuhmacher Hans Endter mit seiner Tochter Margaretha und die hochschwangere Ehefrau Margaretha des Schuhmachers Hans Braungardt. Die Suche nach den Ertrunkenen gestaltete sich wegen des Hochwassers schwierig. Das letzte Opfer wurde erst am 26. Juni bei Karlstadt aus dem Main geborgen.

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Mai 2017: Winterhausens ältestes Flurstück


Die Existenz des Doppelortes Ahusen schon um 700 wird in der Lebensbeschreibung des Bischofs Burkard bezeugt. Aber das ist kein Dokument des 8., sondern eine nachträglich berichtende Chronik des 12. Jahrhunderts. Die älteste überlieferte Urkunde, in der Ahusen zeitgleich erwähnt wird, stammt aus dem Jahr 1142, worin Papst Innozenz II. dem Kloster Heilsbronn dessen Besitz in Ahusen bestätigt. Es gibt aber eine viel ältere Urkunde vom 14. Oktober 779, in der ein Winterhäuser Flurstück erwähnt wird, nämlich der Bromberg.

Das Bistum Würzburg war erst 742 gegründet worden. Um die Markung von Würzburg und Heidingsfeld als bischöflichen Besitz festzulegen, entsandte Karl der Große seinen Gefolgsmann Eberhard, der mit fränkischen Honoratioren die Markungsgrenze abschritt und schriftlich dokumentierte. Ein Teil der Grenze wird auf Althochdeutsch wie folgt beschrieben:  "in mitten Moin unzen den Brunnon, so dar uuesterun halba Moines, uf in Brunniberg", also: in der Mitte des Mains bis zu dem Brunnen, der auf der westlichen Seite des Mains liegt, auf den Brunniberg. Der Name Bromberg leitet sich also von Brunnenberg ab, genannt nach einer Quelle (Brunnen) an seiner Flanke.

Die Würzburger Markbeschreibung von 779 gilt als der älteste deutsche Rechtstext. Zum Vergleich: Das als Musterbeispiel althochdeutscher Literatur bekannte Hildebrandslied wurde erst um 835 aufgeschrieben und die berühmten Straßburger Eide 842. Eine Abschrift der Markbeschreibung aus der Zeit um 1000 besitzt die Universität Würzburg. Sie ist wohl nur deshalb erhalten geblieben, weil sie in eine prachtvolle Evangelienhandschrift des 9. Jahrhunderts als erste bzw. letzte Seite mit eingebunden wurde. Der Markumgang wird auch, mit einem schönen Bild versehen, in der Fries-Chronik aus dem 16. Jahrhundert beschrieben.

Der Bromberg hat für Winterhausen historische Bedeutung. Auch der erste in den Urkunden erwähnte Weinberg der Gemarkung (um 1060) befand sich dort.

Ein Nachtrag zur Quelle am Bromberg: Es ist die kalte Quelle, sie liegt heute in der Winterhäuser Markung. Ihre Nutzung verkaufte die Winterhäuser Gemeinde der Stadt Würzburg im Jahre 1895 für 8000 Mark. Die Quelle wurde gefaßt und 1964 an die Würzburger Wasserversorgung angeschlossen. Ein Wasserbehälter markiert heute die Stelle, wo der Gesandte Eberhard einst geschichtsträchtig einherschritt.

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Juni 2017: Personalausgaben im Jahre 1842

Welches Personal unterhielt die Gemeinde Winterhausen in früheren Zeiten und wie sahen die Ausgaben dafür aus? Um die Höhe der Besoldungen richtig einschätzen zu können, muß man den damaligen jährlichen Bedarf kennen. Im Jahre 1842 konnte man eine mittelgroße Familie hier auf dem Land mit 150 Gulden (ohne weitere Einkünfte z. B. durch Weinbau, Tiere usw.) ganz gut durchbringen.

Soviel brachte nur die Stelle des Marktschreibers ein, die ein Vollzeitjob war. Markus Müller erhielt dafür von der Gemeinde 142 Gulden und von der Kirche, für die er auch tätig war, 30 Gulden. Als Marktschreiber mußte man auch eine gewisse juristische Ausbildung besitzen. Die anderen Vollzeitstellen brachten wesentlich weniger ein. Der Gemeindediener Höchstetter erhielt 69 Gulden und der Gemeindefeuerer Müller (wohl für Rathaus und Kantorat) 71 Gulden. Die beiden mußten sich sicher anderweitig noch etwas dazuverdienen.

Der Bürgermeister Bernhard Miltenberger erhielt 52 Gulden, das war aber für ihn lediglich ein Taschengeld, denn in diese Position wurden zu dieser Zeit nur wohlhabende Personen gewählt. Das gleiche gilt für den Gemeindepfleger (Kassenwart) Georg Friedrich Adami, der 40 Gulden erhielt. Beide entstammten einflußreichen Winterhäuser Familien.

Die Hebamme Maria Magdalena Lorenz erhielt von der Gemeinde 30 Gulden, das war aber nur das sog. Wartegeld. Für die Geburten bekam sie von den Familien noch zusätzlich etwas. Der Waldaufseher Adami war mit 15 Gulden besoldet, und die beiden Nachtwächter Müller und Bischoff mußten sich 20 Gulden teilen. Letzterer erhielt für seine Tätigkeit als Hirt nochmal 6 Gulden. Die Witwe Maria Margaretha Tröger erhielt für ihre Tätigkeit als Industrielehrerin 12 Gulden; sie mußte die Mädchen in Handarbeit unterrichten. Dafür benötigte sie sogar eine Ausbildung, die bayernweit geregelt war.

Der auch als Landwehr fungierenden Schützengesellschaft wurden 14 Gulden zugewendet und den Feldgeschworenen 10 Gulden. Insgesamt gab die Gemeinde an Personalkosten 486 Gulden aus, das waren 16,7 % des Gesamtbudgets. Heute beträgt dieser Anteil 18,8 %. So groß ist der Unterschied nicht.

Die Kirche gab nochmal 47 Gulden für den Chor, den Kirchenpfleger, die Posaunenbläser, den Kalkanten (Orgelbalgtreter) und die Totengräber aus.

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Juli 2017: Der Ärger mit den Gänsen


Der durch frei herumlaufende Ortsgänse verursachte Schaden in den Winterhäuser Getreide-, Klee- und Gemüsefeldern war immer wieder ein großes Ärgernis. Bereits 1812 befahl deshalb die Obrigkeit dem Winterhäuser Jäger Sambach, alle "unbekannten Gänse" zu erschießen. Im Jahr 1843 erstmalig und dann fast jährlich wieder neu wurde ein Gänsedekret verkündet:  Die Gänse müssen entweder eingesperrt oder gehütet werden. Widrigenfalls werden sie eingefangen oder getötet. Als auf diese Weise 1845 die Gänse von Friedrich Singer eingefangen wurden, empörte er sich und nannte den Ortsvorsteher Bernhard Miltenberger einen Gänseschulzen. Dieser teilte dem Herrschaftsgericht in Sommerhausen mit, daß er sein Amt solange niederlegen werde, bis Singer für diese Beleidigung eine Strafe erhalten habe. Spätestens seit 1849 gab es einen Gänsehirten, der für jede Ortsgans vom Besitzer einen kleinen Geldbetrag erhielt. Der Job war aber so unattraktiv, daß man dafür Armenhausbewohner zwangsverpflichten mußte.

Noch schlimmer jedoch war es, wenn nicht die eigenen Gänse die Übeltäter waren, sondern die katholischen Gänse aus Eibelstadt. Die schwammen doch tatsächlich über den Main, um hier ihr Vernichtungswerk zu verrichten. Da kochten die Emotionen hoch, und es kam zu einem zwanzigjährigen Gänsekrieg, der die Akten der beiden Gemeinden und des Ochsenfurter Bezirksamtes füllte.  Er begann am 23. September 1855, als sich die Winterhäuser bei der Eibelstädtern über den von deren Gänsen auf hiesiger Markung angerichteten Schaden beschwerten. Man solle doch auch ein Gänsedekret verfügen. Das taten die Eibelstädter sogar, bemerkten aber sogleich, daß es umgekehrt nicht anders sei. Und so ging es nun jahrelang hin und her. Die nächste Eskalationsstufe bestand darin, daß die Eibelstädter 1857 das Ochsenfurter Bezirksamt einschalteten, welches dann auch nur darauf dringen konnte, die entsprechendes Vorschriften durchzusetzen. Ab 1865 beteiligten sich dann auch die Sommerhäuser am Gänsekrieg, indem sie ihrerseits die Winterhäuser Gänse anklagten.

Eine Zuspitzung erfuhr der Krieg nochmal in den Jahren 1871 bis 1876, was in dem sehr interessanten Büchlein über den Main von Dr. Schicklberger aus Eibelstadt beschrieben ist. Auch danach flackerte der Streit immer wieder einmal auf. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg antworteten die Eibelstädter auf  hiesige Gänsebeschwerden, daß daran nur die Winterhäuser Gänseriche Schuld seien, die vom linken Mainufer aus so verführerisch schnatterten und schrien, daß den Eibelstädter Gänsen gar nichts anderes übrigblieb als hinüberzuschwimmen. Mit den Eibelstädter Gänserichen war offenbar nicht viel los.


 

 

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August 2017: Winterhäuser Realgewerbe

Bis zur Einführung der Gewerbefreiheit in Bayern 1868 benötigte man eine personengebundene Erlaubnis zur Ausübung eines Gewerbes, die infolge der Zunftvorschriften oft ziemlich schwierig zu erlangen war. Aber es gab schon immer Ausnahmen, wo das Gewerberecht nicht an eine Person, sondern an eine Immobilie gebunden war. Da war einmal der landwirtschaftliche Bereich. Wer einen Weinberg besaß, konnte ihn auch ohne weitere Erlaubnis bewirtschaften. Im Ort selbst gab es Häuser, an die das Recht der Ausübung eines bestimmten Gewerbes gebunden war. Jeder, der ein solches Haus kaufte, erbte oder geschenkt erhielt, hatte automatisch das entsprechende Gewerberecht. So etwas nannte man Realgewerbe oder Gerechtigkeit. Die Realgewerbe mußten anfangs auch nicht im Grundbuch stehen, sondern galt eben schon immer, "seit unvordenklichen Zeiten", wie man das formulierte.

In Winterhausen gab es einige solche Gerechtigkeiten. Im Jahre 1860 verlangte das königlich-bayerische Landgericht in Ochsenfurt vom Bürgermeister Friedrich Richter, daß die Gemeinde das einmal genau aufschreibe. Das ergab folgende Situation. Schankrecht oder auch Schildgerechtigkeit hatten die Häuser Hauptstraße 7 (Schwarzer Adler), Hauptstraße 6 / Rathausplatz 3 (Goldener Schwan; vor 1804 war diese Gerechtigkeit mit dem Haus Mauritiusplatz 12 verbunden), Maingasse 1 (Goldenes Lamm), Fährweg 14 (Schiff) und Mauritiusplatz 12 (Goldener Löwe; vor 1804 war diese Gerechtigkeit mit dem Haus Maingasse 12 verbunden). Die Mauritiuskirche (Mauritiusplatz 7) hatte die Braugerechtigkeit.

Die Bäckergerechtigkeit besaßen die Häuser Hauptstraße 5, Kirchgasse 2, Kirchgasse 9, Maingasse 1 und Fährweg 4. Die Hintere Gasse 5 hatte die Badergerechtigkeit, die vor 1829 mit dem Haus Mauritiusplatz 14 verbunden war. Der Schulhof 2 besaß das Kalk‐ und Ziegelbrennungsrecht. Das Main‐ und Zwerchfahrrecht (Marktfahrten und Fähre) war mit dem Haus Fährweg 5 verbunden, aber vor 1845 mit dem Haus Fährweg 3. Schließlich besaß das Haus Rathausplatz 6 (linker Teil) die Schmiedegerechtigkeit.

Aber auch die Gemeinde hatte Rechte, die zum Teil verbrieft waren: das Fischereirecht seit 1533, das Recht im Main Sand zu schöpfen, das Recht zum Handel mit Bauholz, Brettern, Lehm und Steinkohle, das Recht zur Erhebung eines Weg‐ und Pflastergeldes (Pflasterzoll) seit 1647 und das Mühlrecht seit 1526. Letzteres zunächst gemeinsam mit Sommerhausen, doch kaufte die Gemeinde 1804 die andere Hälfte und verkaufte das gesamte Recht 1812 an den Müller Heinrich Michels.

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September 2017: Ein weinselige Pfarrer

Als im Jahre 1710 der Winterhäuser Pfarrer Johann Georg Otho verstarb, kamen als Nachfolger zwei Bewerber in die engere Wahl. Georg Salomon Ziegler hatte als Hauslehrer des Grafen Georg Eberhard bei der Limpurg-Speckfeldischen Herrschaft einen guten Eindruck hinterlassen und man hätte ihn gern als Winterhäuser Pfarrherrn gesehen. Die Gemeinde konnte sich aber nicht für ihn erwärmen, denn er hätte eine zu leise Aussprache. Man bevorzugte den Bewerber Johann Gottfried Voigt und konnte sich damit auch bei den Grafen durchsetzen. Zwei Jahre später bekam Ziegler die Stelle als Pfarrer und Hofprediger in Markt Einersheim und behielt sie bis zu seinem Tod im Jahre 1744, womit er sicher das bessere Los gezogen hatte.

Irgendwie hatte Ziegler aber doch einen Groll gegen die Winterhäuser behalten, denn als er 1739 eine Beschreibung der Grafschaft verfaßte, schrieb er : "Nächst bei Sommerhausen über dem Mainstrom liegt der limpurgische Flecken Winterhausen, und ist auch ein feiner und wohlbewohnter Ort, mit Toren, Mauern und einen Graben umgeben. Doch gleicht er Sommerhausen bei weitem nicht, weil er nicht so sauber ist und ungleich, ja zur Hälfte erhaben liegt, außen herum die Türme und hohen Mauern nicht hat wie jener Flecken, auch, obzwar allda ein starker Weinbau ist, dennoch einen solchen köstlichen Wein nicht hat wie Sommerhausen; weswegen auch die Winterhäuser Weine nicht wie die Sommerhäuser abgehen, noch in die Ferne geholt werden." Auch stünden in der Nikolauskirche "noch papistische Altäre mit dem Bildnis S. Nicolai und anderer Heiliger".

Zum Wein hatte Ziegler allerdings eine besondere Beziehung. Eine gute Weinernte konnte ihn so begeistern, daß er darüber Kirchenchoräle verfaßte. So heißt es beispielsweise in seinem Choral "Erheb dich, mein Gemüte" in den Versen 4 und 5: "Der an uns immer denket,// Hat uns auch eingeschenket// Den allerbesten Most.// Als man, bei vielen Jahren,// So gut nicht hat erfahren,// Die edelsüße Traubenkost.// Der Most, in reicher Menge,// Hat fast den Raum zu enge// In Kellern uns gemacht.// Die Fässer schier entgingen,// Den Most hinein zu bringen.// Wer hätt doch vorher dies gedacht?" Gesungen wurde es zur Melodie "Nun ruhen alle Wälder" von Paul Gerhard. Wäre das nicht etwas für unseren Erntedankgottesdienst?

Aus einem anderen Zieglerschen Wein-Choral: "Es mußten auch erfüllet sein// die Berge mit dem besten Wein,// den uns die aufgeschoßnen Reben,// von der so edlen Weinbergszucht,// der honigsüßen Traubenfrucht,// zum Überfluß im Herbst gegeben.// Kein Faß im Keller ist wohl mehr,// das leer vom Most geblieben wär:// so reichlich hast Du uns beschenket!// Ach! war dies nicht ein Segensjahr?// desgleichen wohl die Menschenschar// in vielen Zeiten nicht gedenket." Man hätte doch den Ziegler als Pfarrer nehmen sollen!



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Oktober 2017: Die Überraschung im Faß

Es war am 1. September 1608, als sich am Eibelstädter Mühlwehr ein Faß verfing. Neugierig öffneten es die Eibelstädter, vielleicht in Erwartung von etwas Brauchbarem, wurden aber dann vom puren Grauen ergriffen: Im Faß befand sich eine Leiche! Wie sich bald herausstellte, handelte es sich um die sterblichen Überreste des Winterhäusers Jörg Zinck, einem angesehenen Bürger und Schöffen am Winterhäuser Rüggericht. Schließlich fand man auch noch heraus, daß sich dieser Jörg Zinck selbst entleibt hatte und dann auf Befehl des Limpurger Amtskellers in ein Faß gesteckt und in den Main geworfen wurde.

Die Empörung der Eibelstädter war groß, und man meldete die Angelegenheit sofort der Obrigkeit, das war das Domkapitel in Würzburg. Als sich kurz darauf ein ähnlicher Fall ereignete, wo ein Einwohner von Creglingen sich auf dem Sommerhäuser Kirchturm erhängte und dann ebenfalls im Faß eingespundet den Fluten des Mains überlassen wurde, war das Maß voll. Das Domkapitel protestierte beim Limpurger Grafen.

Wer aber nun glaubt, daß sich das Domkapitel über die sehr unappetitliche Art der Leichenentsorgung aufregte, ist vollständig auf dem Holzweg. Man fand es vielmehr unverschämt, daß man den Akt des Einspundens der Leiche und des Wasserns des Fasses nicht dem Scharfrichter des Domkapitels überlassen hatte. Zum Verständnis sind zwei Erklärungen nötig.

Zum einen war das Einspunden von Suizidenten im Mittelalter und der frühen Neuzeit durchaus üblich. Die Selbsttötung galt als schwere Sünde, die auch nach dem Tode bestraft werden mußte. Der Leichnam wurde vom Abdecker oder Henkersknecht durch das Fenster geworfen und dann unehrenhaft "bestattet". Meistens wurde er auf dem Schindanger oder unter dem Galgen verscharrt oder eben im Faß ins Wasser geworfen. Jörg Zinck wurde also nicht entsorgt, sondern bestraft.

Der Ärger des Domkapitels ist nur zu verstehen, wenn man den alten Streit mit den Limpurgern um die Centgerichtsbarkeit kennt. Selbsttötung als Kapitalverbrechen gehörte an das Centgericht als oberstes Gericht. Da die Limpurger Grafen die Orte Winterhausen und Sommerhausen als Lehen vom Domkapitel besaßen, war man dort der Meinung, daß das eigene Centgericht in Ochsenfurt zuständig sei. Die Limpurger als reichsunmittelbare Grafen hatten aber ihr Centgericht in Hellmitzheim und betrachteten dieses als zuständig.

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November 2017: Ein fatales Schäferstündchen

Als am 12. März 1777 der fürstbischöfliche Leutnant Johann Michael Krämer von Ochsenfurt nach Würzburg unterwegs ist, besucht er in Winterhausen seinen Freund, den Musikanten Abraham Schwarz. Da dort auch eine Bekannte wohnt, die junge Würzburgerin Appolonia, bleibt er gern auch über Nacht, ein schon öfter geübtes Vorgehen. Bevor es da aber so richtig gemütlich wird, zählt Krämer noch einmal sein Bargeld, eine erstaunliche Summe von 250 Gulden. Dabei beobachtet ihn Schwarz´ Magd Eva Elisabeth Landmann aus Sommerhausen und hat nichts Besseres zu tun, als das gleich dem Winterhäuser Häcker Hans Georg Fuchs zu erzählen. Der bespricht mit seinem Freund Andreas Hirth, der gerade leicht angetrunken aus dem Gasthaus zum Schiff kommt, das weitere Vorgehen. Als Leutnant Krämer und seine Appolonia bereits tief und fest schlafen, läßt die Landmann das Gaunerduo in deren Kammer ein. Sie stehlen die 250 Gulden und geben ihr sechs Gulden als Belohnung.

Krämer bemerkt natürlich am nächsten Morgen den Verlust und kann sich die Zusammenhänge denken. Er hält sich aber zunächst zurück, da die gesamte Situation zu pikant ist und er eigentlich keinen Zeugen hat. Anfang Juni plaudert allerdings die Landmann die Sache selbst aus. Fuchs bringt sich sofort im Ansbach-Bayreuthischen in Sicherheit. Landmann und Hirt werden vom Ochsenfurter Centgrafen vernommen, zum Geständnis gebracht und im Gefängnis über dem Winterhäuser Maintor arrestiert.

Nun kommt wieder der alte Streit zwischen dem Domkapitel und den Limpurgern um die Hochgerichtszuständigkeit im Ort ins Spiel. Das Domkapitel fordert die Auslieferung von Landmann und Hirt, der Graf verweigert sie und beruft sich auch darauf, daß Krämer damit zufrieden sei, die 250 Gulden zurückzubekommen. Nach einigem Hin und Her schafft der Bischof Tatsachen. In der Nacht vom 14. Juli erscheinen Soldaten aus Würzburg und Ochsenfurt, erstürmen mit Leitern die Winterhäuser Ortsmauer, brechen die Tore auf und nehmen die Gefangenen mit nach Ochsenfurt.

Am 16. August werden Landmann und Hirth zu je 15 Monaten Zuchthaus mit Stockhieben verurteilt, der abwesende Fuchs zu zwei Jahren. Im Dezember 1777 gewährt das Domkapitel Fuchs freies Geleit gegen hohe Geldzahlungen. Leutnant Krämer erhält schließlich sein Geld zurück.

Das Vorstehende ist eine Kurzfassung eines Artikels des heute in Michigan lebenden Winterhäuser Historikers Robert Selig in der Zeitschrift "German Life".



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Dezember 2017: Eine Dorfordnung von 1322

Im Gemeindearchiv Sommerhausen befindet sich ein Auszug aus einem sogenannten Weistum von 1322. Ein Weistum ist eine Aussage kundiger Männer des Ortes über das bestehende Recht. Wenn man eine rechtliche Situation fixieren wollte, in der noch nichts Geschriebenes vorhanden war, dann wurde ein solches Weistum erstellt. Im Sommerhäuser Weistum wurden im Jahre 1322 die Regeln des Dorflebens erstmals schriftlich fixiert. Man kann annehmen, daß es die gleichen Regeln wie in Winterhausen waren. Im Jahre 1470 wird aus konkretem Anlaß vor Gericht ausdrücklich festgestellt, daß sich die Regeln in den beiden Orten nicht unterscheiden.

Zum einen werden die Gepflogenheiten der Rechtsfindung beschrieben. Zu Gericht sitzen mit dem Gerichtsstab der Herr bzw. der Vogt mit den Schöffen. Einwohner dürfen nicht vor fremden Gerichten klagen, auch wenn sie weggezogen sind. Es werden Strafen für Körperverletzung und Diebstahl sowie Schadensersatzgelder festgelegt. Wenn eine Frau sich strafbar gemacht hat, dann sollte der Ehemann nicht darunter leiden. Sie hatte die Wahl: Entweder sie trägt einen schweren Stein durch das Dorf oder sie verläßt das Dorf für vier Wochen oder sie bezahlt fünf Pfund.

Wer keine Feinde hat und keiner anderen Herrschaft zugehört, kann vom Schultheißen und den Bürgermeistern als Bürger aufgenommen werden. Er muß ein Viertel Wein geben und bei Gott und den Heiligen Treue schwören. Er kann aber auch das Bürgerrecht aufgeben, wofür er wieder ein Viertel Wein geben muß. Wer im Zorn oder ohne Grund das Bürgerrecht aufgeben will, der soll binnen acht Tagen den Ort verlassen. Wenn er wieder ganz im Ort bleiben will, dann muß er der Gemeinde eine Armbrust für drei Gulden geben. Wenn ein Bürger, der kein eigenes Haus hat, das Dorf ohne Erlaubnis länger als vier Wochen verläßt, soll er das Bürgerrecht verlieren oder es erneut schwören.

Besitz, der zum Ort steuerpflichtig ist, darf nicht nach außerhalb verkauft werden. Wer in der Mark oder im Dorf etwas besitzt, für das er Steuern bezahlen muß, der soll auch alle anderen Lasten der Gemeinde mittragen. Es werden Regeln für die Weinlese sowie die Abgaben für Metzger, Bäcker, Krämer, Wirte und Hirten beschrieben. Die Metzger sollen Fleisch feilbieten, wie es in Ochsenfurt üblich ist. Die Ware wird von Fleischbeschauern kontrolliert. Von Bandwurmfinnen befallenes Fleisch muß auf einen gesonderten Tisch gelegt werden. Besonders ausführlich werden die Pflichten der Schröter beschrieben, das sind Leute, die die schweren Weinfässer aus den Kellern bringen und dann weiter transportieren