Januar 2018
Aus dem Archiv erzählt
Die Winterhäuser Hebammen


Auf die Frage, welches das älteste Gewerbe der Welt sei, bekommt man meistens die gleiche, vorschnelle Antwort. Deren Richtigkeit wäre aber noch zu überprüfen, denn zur Konkurrenz steht auch der Beruf der Hebamme. Daß erfahrene Frauen anderen Frauen bei der Niederkunft mit Rat und Tat zur Seite standen, das war wohl schon bei den Jägern und Sammlern in ihren düsteren Höhlen der Fall. So nimmt es nicht wunder, daß eine Hebamme bereits in dem ältesten umfangreicheren Dokument der Winterhäuser Geschichte, dem Rüggerichtsbuch 1597-1614 als Zeugin genannt wird. In einem Gerichtsverfahren des Jahres 1603 sollte die itzige Ammen Fraw Schirmer sagen, ob die dem Ratsherr Wilhelm Zeitler unterstellte Mißhandlung einer Hochschwangeren zur Schädigung des Kindes geführt hätte.
Ab dem Jahr 1700 sind in den Bürgermeisterrechnungen die Ausgaben für die jeweilige Ortshebamme aufgeführt. Damit ist auch die Reihe der Winterhäuser Hebammen seit diesem Jahr überliefert. Als letzte stellte um 1960 Luise Binder ihre Tätigkeit ein. Ebenfalls in den Bürgermeisterrechnungen findet man Aufstellungen des Inventars bzw. der Mobilien der Gemeinde, wo auch die Utensilien der Hebamme aufgeführt sind.
Man muß die Münchner Ministeralbürokratie ja nicht unbedingt mögen, aber der Gerechtigkeit halber muß gesagt werden, daß nach dem endgültigen Anschluß an Bayern im Jahre 1816 in der Grafschaft Limpurg-Speckfeld viele positive Veränderungen durchgesetzt wurden. So findet man bereits in der folgenden Bürgermeisterrechnung eine wesentlich längere Liste von Hebammeninstrumenten. Die Hebammen mußten fortan eine Ausbildung erhalten und jedes Jahr beim Bezirksarzt in Ochsenfurt vorstellig werden, um sich instruieren und erneut prüfen zu lassen. Es gab genaue Kriterien für die Auswahl der Hebamme. Die Obrigkeit legte auch Wert darauf, daß diese das Vertrauen der Frauen besaß. Deshalb oblag die Wahl einer neuen Hebamme der Versammlung aller Frauen der Gemeinde.
Die Hebammen hatten auch obrigkeitliche Aufgaben. Sie mußten die Neugeborenen persönlich zur Taufe bringen, was unserem Gang zum Standesamt entsprach. Außerdem mußten sie alle Geburten im Ort, bei denen weder sie noch der bestellte Ortsarzt zugegen war, dem Pfarrer, dem Gerichtsarzt und der Polizei melden. Von der Gemeinde erhielt die Hebamme auch ein jährliches Wartegeld, dazu ein Kontingent an Korn. Auch war ihr Ehemann von der obligatorischen Nachtwache befreit. Natürlich erhielt sie von den Kindeseltern jeweils auch einen Lohn, von armen Leuten durfte jedoch nichts verlangt werden.                                    DKW

Februar 2018
Aus dem Archiv erzählt
Kirchenkampf in Winterhausen


Zu Beginn ihrer Herrschaft versuchten die Nazis, die evangelischen Kirchen gleichzuschalten, nach dem Führerprinzip neu zu ordnen und die Glaubensinhalte mit ihrer Ideologie zu verbinden. Das führte zum sog. Kirchenkampf und einer faktischen Kirchenspaltung: auf der einen Seite die Deutschen Christen mit ihrem Reichsbischof Müller und auf der anderen die Bekennende Kirche mit vielen mutigen Männern wie Niemöller, Bonhoefer und von Bodelschwingh. Viele haben ihre Treue mit dem Leben bezahlt.
Wie sich der Kirchenkampf 1934 in Winterhausen abspielte, beschreibt der damalige Pfarrer Seitz (1928-1958) in seinen Erinnerungen. Landesbischof Meiser hatte angeordnet, die Gemeinden über die gegenwärtige Not der Kirche zu informieren. Das geschah hier durch einen Vortrag im (polizeilich überwachten) Gottesdienst vom 3. September, der zum ersten Bekenntnisgottesdienst in Winterhausen wurde. Bei der Kirchenvorstandssitzung vom 5. September sprachen sich außer einem Mitglied des erweiterten Vorstands alle Anwesenden dafür aus, die Gemeinde streng bekenntnisgebunden evangelisch-lutherisch zu führen und teilten das in einem Schreiben auch dem Landesbischof und im Gottesdienst vom 9. September der Gemeinde mit. Das fand bei dem weitaus größten Teil der Gemeinde Zustimmung. Nun wurden die Winterhäuser Nazis aktiv. Sie verteilten Zettel mit der Aufforderung, den Erntedankgottesdienst am 7. Oktober in der Kirche nicht zu besuchen, sondern auf dem Rathausplatz den Rundfunkgottesdienst des Reichsbischofs anzuhören. Das Resultat: Auf dem Rathausplatz fand sich niemand ein, die Kirche aber war voll besetzt!
Als man am 11. Oktober Landesbischof Meiser in München verhaftete, wurde am folgenden Sonntag in der Nikolauskirche ein Bitt- und Trauergottesdienst gehalten. Die Einladungszettel wurden von der Gendarmerie beschlagnahmt. Der stark besuchte Gottesdienst begann mit dem Lied Aus tiefer Not schrei ich zu dir ... Die Gemeinde wurde aufgefordert, ein an hohe staatliche Stellen gerichtetes Protestschreiben zu unterzeichnen. Gegen dieses Vorgehen stellte sich nach dem Gottesdienst eine kleinere Oppositionsgruppe, die besonders von der Lehrerschaft unterstützt wurde. Das Schreiben wurde von 480 Winterhäuser Gemeindegliedern unterzeichnet, die in der Folge von einzelnen NSDAP-Mitgliedern als Verräter beschimpft und denen Konsequenzen angedroht wurden wie Verlust der Anstellung oder der Pension.
Da es in vielen Kirchengemeinden ähnliche Reaktionen gegeben hatte, ruderten die Nazis schließlich zurück. Ende Oktober wurde Bischof Meiser wieder freigelassen und in sein Amt eingesetzt; ähnliches geschah auch in anderen Landeskirchen. Das war wohl, neben der Ein- schränkung des Euthanasieprogrammes Ende 1941, die einzige innenpolitische Niederlage der Nazis.                                                            DKW


März  2018
Aus dem Archiv erzählt
Die Ansässigmachung eines Schiffsknechtes

Wollte ein junger Bursche in Winterhausen vor der Reichsgründung 1871 heiraten oder Handwerksmeister werden, so mußte er zuvor ansässig werden. Voraussetzung dafür waren ein guter Leumund und der Nachweis, daß er eine Familie ernähren könne. Er mußte also einen ausreichenden Besitz aufweisen können oder einen Beruf erlernt haben, der entsprechende Einkünfte versprach. Natürlich zählte auch, was ihm bei einer Heirat von der Braut zuwachsen würde. Insgesamt wollte man so verhindern, daß die Gemeinde viele kinderreiche, arme Familien unterstützen mußte. Allerdings hatte das auch zur Folge, daß es mehr uneheliche Kinder gab.
So beantragte im Januar 1835 der bei der Winterhäuser Fähre beschäftigte Goßmannsdorfer Schiffsknecht Adam Breunig beim Herrschaftsgericht in Sommerhausen seine Ansässigmachung in Winterhausen als Schiffer und Fischer sowie eine Erlaubnis zur Verehelichung mit der 22jährigen Anna Sabina Binder, Tochter des Metzgermeisters Wilhelm Binder in der Maingasse 12. Er legte Zeugnisse über seine Ausbildung als Schiffer und Fischer, seine sechsjährige Militärzeit, seinen Schulbesuch und die Blatternimpfung bei. Mit seiner Verlobten könne er ein Vermögen von 600 Gulden zusammenbringen.
Da hatte Breunig allerdings beim Gemeinderat keine guten Karten. Dieser meinte nämlich, daß das angegebene Vermögen unsicher erscheine und daß es im Ort schon zwei Schiffer und Fischer gebe, die neben diesem Beruf noch andere Tätigkeiten ausüben mußten, um die Familie ernähren zu können. Es sei auch bekannt geworden, daß Breunig sein Fährgäste mißhandele. Zu allem Überfluß fügte Pfarrer Prechtlein noch hinzu, daß doch Breunig wegen seiner libidinösen Neigungen bekannt sei und er nur die Jugend verführen würde. Ob auch der Herr Metzgermeister im Hintergrund seine Fäden gesponnen hatte, um zu verhindern, daß seine Tochter so einen Tunichtgut heiratet, muß ungeklärt bleiben.
Jedenfalls legte Adam Breunig gegen die Ablehnung Berufung bei dem zuständigen Kreisgericht ein. Die Entscheidung des Gerichts ist nicht in den Akten. Eine Überraschung bringt aber ein Blick in die Kirchenbücher: Als Breunig seinen Antrag stellt, ist seine Verlobte hochschwanger. Und sie hatte schon zwei Jahre vorher ein Kind von ihm bekommen. Warum das im Gemeinderat nicht vorgebracht wurde, muß verwundern. Ein weiteres uneheliches Kind des unglücklichen Paares folgt im Jahre 1836. Der Berufungsweg war offenbar nicht erfolgreich gewesen.                    DKW

April  2018
Aus dem Archiv erzählt
Winterhäuser Familien: Die Billing


Die Geschichte eines Ortes ist auch geprägt vom Wirken einzelner Persönlichkeiten. Oft sind es nur wenige Familien, denen sie entstammen. In Winterhausen gehörte dazu die Familie Billing. Den Namen Billing oder auch Billung findet man in der Würzburger Gegend bereits im Mittelalter bei Amtsträgern wie Ministerialen, Klerikern und Schultheißen. Die Herkunft des Namens ist wohl mit der Rechtsprechung verbunden. Das Wort Bill findet sich heute nicht nur in der englischen Sprache, sondern auch in den deutschen Worten billigen und Unbill, sowie in der Wendung recht und billig. Wo heute das Würzburger Rathaus steht, befand sich im 12. Jahrhundert der Hof Billung, ein Gerichtshof.
Einen vollständigen Überblick über eine Winterhäuser Familie kann man erst ab 1568 mit dem Einsetzen der Kirchenbücher gewinnen. Deshalb sind im Ort aus der Zeit vorher nur etwa zwei Dutzend Namensträger Billing bekannt. So schloß 1497 der Winterhäuser Caspar Billing mit seiner Frau einen Ehevertrag vor dem Würzburger Landgericht. Ebenfalls vor 1500 wurde Claus Billing geboren, der in den Urkunden Der Alte genannt wird und von dem alle 67 späteren Winterhäuser Billing abstammen. Sein Sohn Nicolaus wurde Bürgermeister und schließlich auch Schultheiß in Winterhausen. Dessen Sohn Valentin machte Karriere in Kitzingen: Er heiratete die Witwe eines Ratsherrn und wurde selbst Ratsherr, Hauptmann, Unterbürgermeister und einer der größten Grundbesitzer in Kitzingen. Eine ähnliche Position hatte sein Sohn Johannes, der aber 1629 wegen der Rekatholisierung der Stadt diese verlassen mußte und nach Windsheim zog.
Aus Windsheim kam nun der Ball zurück nach Winterhausen in Person des Gerichtsschreibers Johann Georg Billing. Er starb früh, aber sein gleichnamiger Sohn machte hier richtig Karriere: Er studierte Jura, wurde kaiserlicher Notar, Ratsherr und auch Ratsschreiber, zudem führte er ein eigenes Wappen. Gleich drei seiner Söhne wurden Bürgermeister in Winterhausen, einer auch Schultheiß. Und so setzte es sich noch zwei Generationen fort. Womit verdienten die Billing eigentlich ihr Geld? Die Einnahmen kamen von Weinbergen und anderem Grundbesitz, aber auch durch die Ausübung ganz bürgerlicher Berufe: Es gab eine Metzger-Linie, eine Handelsmann-Linie und eine Gastwirt-Linie (Schwarzer Adler, Hauptstraße 7).
Mit Anna Barbara Billing hatte der Schwarze Adler sogar einmal einen weiblichen Besitzer. Im Jahr 1782 erbte sie als 18jährige das Gasthaus von ihrem Vater und heiratete ein Jahr später Franz Georg Kesselring aus Kitzingen, der nun Adlerwirt wurde. Sie ließ sich aber wieder von ihm scheiden und heiratete 1792 den nun neuen Adlerwirt Johann Leonhard Michels. Der starb aber bald, worauf 1807 ihr Sohn Georg Friedrich Kesselring die Wirtschaft übernahm. Mit dem Tod von Anna Barbara im Jahr 1838 endet die Geschichte der Winterhäuser Billing.                     DKW

Mai  2018
Aus dem Archiv erzählt
Hochwasser in Winterhausen


Das Hochwasser vom 29. Mai 2016 hat uns wieder einmal in Erinnerung gerufen, wie besonders auch unser Ort den Naturgewalten ausgeliefert ist. Die Geschichte von Winterhausen ist auch eine Geschichte von Hochwasserkatastrophen.
Was die Überlieferung anbetrifft, beginnt es mit einem Paukenschlag, dem Magdalenenhochwasser vom 21./22. Juli 1342 (der Magdalenentag ist der 22. Juli). Es war kein Jahrtausendhochwasser, sondern ein Jahrzehntausendhochwasser, das herausragendste Hochwasserereignis in Mitteleuropa. Es war ohnegleichen: Nahezu alle Brücken im süddeutschen Raum wurden zerstört, selbst die steinernen Brücken in Frankfurt, Würzburg, Regensburg und Bamberg. In Würzburg stand das Wasser an den Domtreppen. (Pegel mehr als 1000 cm) Noch folgenreicher war die unglaubliche Bodenerosion. Viele Felder wurden unbrauchbar, weil die Humusschicht flächenmäßig abgetragen wurde. Es folgte eine Hungersnot. In den Hanglagen wurden bis zu 14 Meter tiefe Schluchten gerissen, die noch heute landschaftsbestimmend sind. Berichte über die Folgen dieses Hochwassers für Winterhausen liegen leider nicht vor. Man sollte aber ernsthaft in Betracht ziehen, daß auch der Winterhäuser Hohlweg ein Resultat dieses Hochwassers ist.
In der Hochwasser-Hitliste folgt das Hochwasser vom 28./29. Februar 1784. (Pegel Würzburg 928 cm) Es hat sich tief in die Erinnerung des Ortes eingeprägt. Noch heute kursieren Erzählungen über diese Flut, wie zum Beipiel die Erlebnisse des Schiffswirtes Simon Binder. (Winterhäuser Geschichtsblätter Nr. 3) Vier Einwohner kamen ums Leben und 14 Häuser wurden weggerissen. In Ochsenfurt stürzte die Brücke teilweise ein.
Die Nummer 3 ist das Hochwasser vom Januar 1682. (Pegel 863 cm) In einer zeitgenössischen Quelle heißt es: Zu Sommer- und Winterhausen musten sich die Leute auff die Dächer der Häuser retiriren, sonst war zu Rettung ihres Lebens kein Rath. Frickenhausen war so beschwemmet, daß man von dem gesamten Orte und allen daselbst sich befindenden Gebäuden nichts mehr als den Kirchturmm sahe, welcher hervor ragete.
Es folgen die Hochwasser von 1845 (Pegel 834 cm) und von 1764 (Pegel 805 cm), über die auch Winterhäuser Augenzeugenberichte vorhanden sind. Die höchste an der Mühle angebrachte Hochwassermarke ist von 1876 (Pegel 750 cm). Hier kann man sich die Ausmaße des Magdalenenhochwassers verdeutlichen: Es war mindestens 250 cm höher!                    DKW

Juni  2018
Aus dem Archiv erzählt
Die reichen Winterhäuser von 1604


Die diversen Zwistigkeiten zwischen den Häusern Limpurg-Speckfeld und Wolffskeel von Rottenbauer gehörten zu den gern gepflegten mainfränkischen Traditionen. Vor allen möglichen Gerichten stritt man sich, vor allem wegen unklarer Verhältnisse an der gemeinsamen Grenze. Mehrere in diesem Zusammenhang angefertigte farbige Darstellungen der hiesigen Gegend sind überliefert.
Im Schloßarchiv Trockau(!) befindet sich ein dicker Band über einen Rechtsstreit aus dem Jahre 1604, wo es um die Frage ging, ob ein bestimmtes Flurstück zur Winterhäuser oder zur Rottenbauerer Markung gehörte und wem man demzufolge die Abgaben schuldete. Konnte man in dieser Zeit bei einer solchen Frage auf kein geschriebenes Dokument zurückgreifen, so befragte man erfahrene und glaubwürdige Zeugen, was sie über den Sachverhalt wußten. So auch in diesem Fall. Es wurden 10 Winterhäuser und 6 Heidingsfelder Bürger im Alter von 40 bis 68 Jahren befragt. Die Heidingsfelder waren sämtlich Ratsherren. Die Art der Zeugenbefragung ist das eigentlich interessante, mehr noch als der Ausgang des Prozesses.
Die Glaubwürdigkeit der Zeugen ergab sich vor allem aus ihrem Vermögen, wonach sie der Reihe nach befragt wurden. Nur ein Winterhäuser hatte kein Vermögen, und ein Heidingsfelder meinte lapidar, er sei zum Zeugen reich genug. Die restlichen Zeugen hatten ein durchschnittliches Vermögen von 940 Gulden, die reichsten von 3000 Gulden. Mit der letztgenannten Summe war man wirklich reich. Man kann annehmen, daß die damalige Kaufkraft eines Guldens etwa der heutigen von 100 Euro entspricht. Also hatten die reichsten Bürger einen Besitz im Werte von umgerechnet etwa 300000 Euro!
Weiter wurde auch jeder Zeuge nach der Zuverlässigkeit seiner Mitzeugen befragt. Über den mittellosen Winterhäuser Zeugen Claus Wolff sagten andere Zeugen, er habe ein Weib gehabt und doch mit einer Wittfrau gehauset, daß sie bauchett worden. Er habe deswegen vier Wochen im Gefängnis gesessen, sei aber dann wieder als Bürger aufgenommen worden. Über den 3000- Gulden-Mann Georg Zinck wurde gesagt, daß er einen anderen Mann auf der Gasse mit dem Spieß totgestochen habe. (Das ist übrigens derselbe Georg Zinck, dessen Leiche vier Jahre später als die eines Selbstmörders in ein Faß gespundet dem Main übergeben wurde, siehe Mitteilungsblatt 19/2017.)                                                        DKW

Juli  2018
Aus dem Archiv erzählt
Winterhausen und seine Brunnen


Am Brunnen vor dem Tore ... heißt es in einem romantischen Volkslied. Fraglos praktischer waren allerdings Brunnen innerhalb der Ortsmauern. Und davon gab es im alten Winterhausen eine ganze Anzahl.
Die früheste Erwähnung eines Brunnes innerhalb des Ortes stammt aus dem Jahr 1427, als in einer Kaufurkunde die Lage eines Hausgrundstückes an der Langen Gasse beschrieben wird. Wieviele Brunnen es zu dieser Zeit gab, ist unbekannt. Aber allemal waren es Ziehbrunnen, bei denen auf einem waagrecht gelagerten Rundholz ein Seil aufgewickelt war, an dessen Ende ein Schöpfeimer in den Brunnen hinabgelassen und wieder hochgezogen oder -gekurbelt werden konnte.
Die Ziehbrunnen hatten ihre Tücken: Immer wieder passierte es, daß Kinder hineinfielen oder das Wasser durch hineinfallende Gegenstände und tote Tiere verunreinigt wurde. Deshalb verfügte die Regierung des Untermainkreises im Jahre 1828, daß alle Ziehbrunnen mit einem Deckel verschlossen und zu Pumpbrunnen umgewandelt werden sollten. Das geschah in Winterhausen bis zum Jahr 1835. Bei dieser Gelegenheit wurden alle neun Gemeindebrunnen genannt. Sie befanden sich in der Nähe der Häuser Hauptstraße 1 (abgerissen), Hauptstraße 15 (Fertigbrunnen), Häckergasse 7 (Schmiedbrunnen), Kirchgasse 1 (Kümmelbrunnen), Mittlere Gasse 2 (Miltenbergbrunnen), Lange Gasse 3, Lange Gasse 15, Mauritiusplatz 4 (Bischoffsbrunnen) und Goßmannsdorfer Straße 30 (Hampelbrunnen). Für jeden Brunnen wurden Aufsichtspersonen bestimmt. Im Jahre 1861 versah man alle Gemeindebrunnen mit Blechgehäusen.
Außer den Gemeindebrunnen gab es noch mindestens 17 Privatbrunnen, die allerdings nicht so schnell verbessert wurden. Als etwa 1850 der Gemeinderat in Erfüllung einer bayerischen Verordnung über Abtritte und deren Gruben alle entsprechenden Lokalitäten im Ort besichtigen ließ, mußte festgestellt werden, daß sich nicht wenige Gruben in unmittelbarer Nähe von Privatbrunnen befanden. Eine alte Winterhäuserin erzählte: Manche Brunnen stanken und schmeckten nach Mist. Manche Frauen mußten weit gehen, um gutes Wasser zu bekommen. Da war es eine große Verbesserung, als 1927 in Winterhausen eine Wasserleitung in Betrieb genommen werden konnte.                                                     DKW

August  2018
Aus dem Archiv erzählt
Feld- und Holzdiebereyen


Nachdem in Winterhausen wieder einmal einige schlimme Unsitten eingerissen waren, erließ der Sommerhäuser Herrschaftsrichter (entspricht dem heutigen Landrat) Johann Ernst Stadelmann, ein Bruder des damaligen Winterhäuser Pfarrers Johann Friedrich Stadelmann, am 10. Februar 1810 folgendes Dekret:
Obgleich alle Feld- und Holzdiebereyen schon an und vor sich unerlaubt und längst auf das nachdrücklichste verbotten sind, so sind solche iedoch nach der von Bürgermeister, Rath und Viertelmeistern bei dahiesigem Untergerichte gemachten Anzeige und Beschwerde, seit einiger Zeit in Winterhausen so sehr eingerissen, daß beynahe nichts mehr auf dem Feld sicher ist und die Gemeindehölzer auf das schändlichste verwüstet werden. Da diesem Unwesen nicht nachgesehen werden kann, so wird das diesfalls schon lange und öfter ergangene Verbot hiermit nochmals nicht nur erneuert, sondern auch zu Jedermanns Wissenschaft und Nachachtung öffentlich bekannt gemacht.
Dieienigen, die sich ferner unerlaubte Eingriffe in fremdes Eigenthum, es sey im Flecken oder auf dem Feld, erlauben, und ihre Holz Mausereyen wie bisher fortsetzen, haben eine angemessene, strenge und unnachsichtliche Strafe zu gewarten. Jeder Bürger und Einwohner wird aufgefordert, die Diebe und Frevler allenfalls beim Untergericht selbsten ohne alle Rücksicht und bei eigener Verantwortlichkeit anzuzeigen, und niemand zu verschonen.
Da auch zugleich zur Kenntniß gekommen ist, daß die nächtliche stille Wache sehr schlecht versehen werde, so wird ieder Bürger hiermit ausdrücklich aufgefordert, seine diesfallsige Schuldigkeit, zum allgemeinen Besten und zur öffentlichen Sicherheit, redlich zu erfüllen. Das Schultheißen- und Bürgermeister Amt haben genau darauf zu sehen, auch wird man von hieraus deswegen öfter Visitationen anstellen. Jeder, der seine Wache vernachlässigt oder schlecht bestellt, hat das erstemal 30 Kreuzer das zweitemal aber 1 Gulden unnachsichtliche Strafe zu bezahlen.
Dieses ist der versammelten Gemeinde unverzüglich zu publiziren, und daß solches geschehen auf den hier mitfolgenden und wieder zu remittirenden Konzept zu attestiren.                       DKW

September  2018
Aus dem Archiv erzählt
Der Leichentrunk


Im Jahre 1777 kamen holländische Werber nach Winterhausen, um Soldaten für ihre ost- und westindischen Besitzungen zu rekrutieren. Überzeugen konnten sie den 22jährigen Johann Martin Miltenberger, Sohn eines Häckers (Winzers), und den 21jährigen Steinhauerssohn Johann Andreas Debert. Aber bevor diese dorthin gebracht wurden, wo der Pfeffer wächst, ging es hier nochmal drunter und drüber. Deberts vierjähriger Bruder war nämlich tags zuvor gestorben, und es gab einen Leichentrunk. Da waren viele Leute eingeladen und es ging hoch her mit viel Wein und einigen Schlägereien. Ein Leichentrunk im 18. Jahrhundert war wohl in Winterhausen ein konfliktträchtiges Ereignis.
Martin Miltenberger erschien jedenfalls nachts nach 7 Uhr mit blutigem Maule und Nasen beim Amtsschultheißen Steininger und beschuldigte den Korbmacherssohn Thomas Trunk und den Häckerssohn Erhard Brand. Als er vom Leichentrunk aus dem Debertschen Haus gekommen sei, hätten sie ihn ohne Grund auf der Straße angefallen und so zugerichtet. Die beiden wurden vorgeladen und bestritten das. Sie wären auf dem Weg zur Schreibstunde des Cantors Vollrath gewesen, da wären sie von Miltenberger beleidigt worden. Als dann Andreas Debert dazwischengegangen sei und Miltenberger wegziehen wollte, sei dieser gefallen und habe sich so verletzt. Miltenberger widersprach: Brand und Trunk hätten ihn zuerst beleidigt. Und Brand habe ihn hingeworfen und mit der Faust in das Maul geschlagen. Andreas Debert und der Häcker Heinrich Mündlein bestätigten dieses als Zeugen im wesentlichen.
Aufgrund dieser Aussagen setzte der Sommerhäuser Amtmann Briel für Erhard Brand und Thomas Trunk Geldstrafen von 2 bzw. 1 Taler fest. Beide müssen bei Martin Miltenberger Abbitte tun und eine Ehrenerklärung abgeben. Aber Brand gab nicht auf. Er erklärte, daß der Zeuge Mündlein völlig betrunken und nach der fraglichen Angelegenheit selbst mit anderen in eine Schlägerei verwickelt gewesen sei. Noch zwei Tage später habe man auf der Straße das Blut sehen können.
Nun ging es erst richtig los. Zunächst rückt die Menge des verzehrten Weines in den Mittelpunkt der Verhöre. Debert hatte zum Leichentrunk vom Gotteshaus(!) zwei Achtel Wein (etwa 20 Liter) bekommen, und dann habe Miltenberger beim Umtrunk von seiner Mutter noch ein Achtel und Schinken herbeigeschleppt. Auch eine heimliche Schnapsbrennerei habe es gegeben; immer mehr Geschichten kamen zutage. Der halbe Ort wurde als Zeuge vernommen: Wer wann wie betrunken gewesen sei, wer auf wen eingeschlagen und wer wen wohin geschleift habe. Auf dem Rathaus und sicher auch im Ort hat es tagelang kein anderes Thema gegeben!
Die ganze Aufregung brachte allerdings nichts, denn beim nächsten Klagtag wurde die verhängte Strafe im wesentlichen bestätigt. Über das weitere Schicksal der beiden holländischen Soldaten ist nichts bekannt; ihr Tod ist in den Kirchenbüchern jedenfalls nicht verzeichnet.                     DKW

Oktober  2018
Aus dem Archiv erzählt
Das Verhör auf dem Rathaus


Im Jahre 1726 führte der Winterhäuser Schultheiß Georg Ludwig Billing (1677-1731) auf dem Rathaus folgendes, hier leicht verkürzt und sprachlich angeglichen wiedergegebenes Verhör:
Wie sie heiße und wie alt sie sei? Anna Maria Graßerin, auf nächste Ostern 20 Jahre alt. - Ob sie sich vorstellen könne, warum sie hierher gefordert worden? Ja, weil die Leute so reden als wenn ich schwanger wäre. - Wer denn mit ihr fleischlich zu tun gehabt? Ich habe mich mein Lebtag wohlverhalten, aber durch den Weber Sebastian Bauer bin ich verführt worden. - Wie denn die böse Tat vorgegangen? Zu Pfingsten ist er in unser Haus gekommen, da meine Eltern schon im Bett gelegen. Er hat mir zugeredet, es tue mir nichts. Da ist es an der Stiege geschehen. Ich habe mich nicht erwehren können. - Ob es liegend oder stehend geschehen? Er hat mich an die Stiege gedrückt. - Sie solle es nur gestehen, wie oft sie sich mit ihm fleischlich vermischt habe! Das andere Mal ist es im Stall geschehen bei Tag, da weder Vater noch Mutter zu Hause gewesen. Er hat mich an die Wand gedrückt und stehend seinen Willen mit mir verübt. Einmal bin ich allein im Laden gewesen, da hat er mich auch an die Wand gedrückt. - Ob sie denn verbotene Arznei gebraucht? Nein, behüte mich Gott davor. - Ob sie noch weiter mit ihm zu tun gehabt? Nein, er hat mich zwar heiraten wollen, aber mein Vater hat es nicht zugeben wollen, weil ich noch zu jung sei. - Es verlautet, sie habe noch mit mehreren Männern zu tun gehabt? Nein!
Wie er heiße, wie alt und wie lang er hier Bürger sei? Sebastian Bauer, bei 28 Jahren und zwei Jahre Bürger hier, von Waldmannshofen gebürtig. - Ob er wisse, was für ein Ruf seinetwegen im Flecken gehe? Ich weiß nichts davon. - Was er für eine Bekanntschaft mit Andreas Graßers lediger Tochter Anna Maria habe? Ich bin einmal mit einem Gesellen in ihr Haus gegangen, mit der Tochter aber habe ich nichts gehabt. - Er solle bekennen, daß er sich fleischlich mit ihr vermischt habe, denn ihr Bekenntnis sei schon da! Wenn sie es sagt, muß ich gestehen, daß es einmal geschehen ist. - Ob er sie nicht an die Stiege gedrückt habe, es tue ihr nichts und sie sich nicht habe erwehren können? Sie hat sich nicht einmal geregt. - Wann und wie oft es denn geschehen? Kann es nicht anders sagen, als nur einmal um Ostern herum. - Ob er nicht geständig, daß er sie nach Pfingsten noch einmal im Stall und einmal im Laden zu seinem Willen gehabt habe? Ja, das gestehe ich. - Weil er nun wisse, daß sie schwangeren Leibes sei, ob er sich als Vater des Kindes erkenne? Das kann ich nicht sagen oder wissen, weil mein Gesell auch oft in ihrem Haus über Nacht geblieben. Es wären auch fremde Soldaten aus Würzburg dem Mädchen zu Gefallen gegangen. - Ob ihm dann dieses sündlich Begangene nicht vom Herzen leid sei? Zumal er wisse, daß er dadurch gegen Gottes Gebot gesündigt und Strafe verdient habe? Wenn es auf mich herauskommt, muß ich freilich die Herrschaft um eine gute Strafe bitten.                                            DKW

November  2018
Aus dem Archiv erzählt
Ein Pfarrer im Winterhäuser Asyl


Es war an einem stürmischen Novemberabend des Jahres 1699, als es an das Tor des Winterhäuser Pfarrhofes klopfte. Als der Pfarrherr Johann Georg Otho öffnete, erkannte er zu seiner großen Überraschung den Thüngener Amtskollegen Georg Friedrich Odenwald mit Ehefrau sowie dessen verwitwete Tochter mit einigen Kindern. Nachdem die Familie eingetreten war und die Reisekleidung abgelegt hatte, erzählte Odenwald, was geschehen war.
Er war seit 1663 Pfarrer in Thüngen und hatte, wie das eben manchmal so ist, Freunde und Feinde in der Gemeinde. Schließlich beschwerte man sich über ihn bei der Herrschaft: Er habe schon ein Vierteljahr kein Abendmahl mehr ausgeteilt. Dem Schultheißen Müller und seiner Frau habe er das Abendmahl schon sechs Jahre lang verweigert. Außerdem brächte er seine Privatangelegenheiten auf die Kanzel. Gegen seine Frau Amalia Maria, die Tochter des Schweinfurter Bürgermeisters Johann Erhard Heberer, wurden noch schwerwiegendere Anschuldigungen erhoben: Sie ließe an Sonntagen den Stall ausmisten und Butter stampfen, auch verlange sie von niedergekommenen Frauen die Nachgeburt. Das sähe doch sehr nach Hexerei aus! Zudem habe sie der Gemahlin des Ritters von Thüngen nachgesagt, daß diese ihre Kleider als Hure verdient und ein lediges Kind gehabt habe und dafür sechs Wochen im Gefängnis gewesen sei.
Der Ritter brachte die Sache vor das Gericht. Sie wurde letztendlich von der Juristischen Fakultät der Gießener Universität entschieden. Die Hexereivorwürfe erwiesen sich als nichtig, aber für die Beleidigungen mußten beide Eheleute büßen. Die Frau mußte widerrufen und vier Wochen ins Gefängnis. Nachdem der Pfarrer bereits vom Dienst supendiert worden war, mußte er öffentlich Abbitte tun und erhielt einen scharfen Verweis im Beisein zweier Geistlicher. Er solle in Zukunft sein Haus besser regieren. Danach wurde er wieder in sein Amt eingesetzt, sollte aber alsbald auf eine andere Pfarrstelle versetzt werden. Die Gemeinde beruhigte sich aber nicht ob dieser Angelegenheit, und die Pfarrfamilie mußte schließlich fluchtartig den Ort verlassen.
Die Odenwaldsche Familie blieb in Winterhausen, aber bereits im Januar 1700 verstarb der Pfarrer. Sein Kollege Otho schrieb ins Kirchenbuch über ihn als einen 30jährigen treufleißigen Pfarrer in Thüngen, der in seiner Verfolgung hierhergekommen sei. Zwei der mitgebrachten Enkelkinder starben ebenfalls in diesem Jahr. Einer seiner Söhne wurde später Pfarrer in Münster bei Creglingen.                                                  DKW

Dezember  2018
Aus dem Archiv erzählt
Die Winterhäuser Judentaufe


Seit dem Mittelalter hat es in Winterhausen Juden gegeben. Ihre Geschichte hier im Ort endete erst um 1850, als die letzten Juden wegzogen. Selten dürfte es wohl geschehen sein, daß hier ein Jude zum christlichen Glauben konvertierte. Aus Winterhausen ist ein solcher Fall bekannt, dessen Umstände der damalige Pfarrer Philipp Christian Gottlieb Yelin im Kirchenbuch ausführlich geschildert hat, jener Yelin, über dessen unrühmlichen Abgang von Winterhausen im Gemeindeblatt 14/2013 schon berichtet wurde.
Sehr glücklich begann das Leben des jüdischen Knaben Josias Jonas nicht. Er kam 1663 in Amsterdam als Sohn eines Magiers zur Welt und wuchs in London auf. Seine Mutter verstarb früh, und die Stiefmutter war ihm nicht gewogen. Da der Vater viel in Europa herumreiste, wollte er den zwölfjährigen Jungen nicht bei ihr lassen und übergab ihn dem Goßmannsdorfer Juden Jacob Lauffer gegen Kostgeld. Man war offenbar gut vernetzt. Dieser Lauffer hatte öfter im Winterhäuser Pfarrhaus zu tun und nahm Josias mit. So ergaben sich gelegentlich Gespräche mit Pfarrer Yelin, in denen dieser dem wißbegierigen Knaben einiges über die christliche Religion erzählte, wohl auch in missionarischer Absicht.
Kurz vor Ostern 1776 äußerte Josias seinen Wunsch, zum christlichen Glauben überzutreten. Yelin wollte nichts überstürzen und vertröstete ihn. Lauffer hatte wohl auch Wind von der Sache bekommen und reiste mit dem Knaben nach England ab. Unterwegs entkam dieser seinem Kostherrn und tauchte wieder bei Pfarrer Yelin auf. Er wolle sich jetzt nicht mehr vom christlichen Glauben abhalten lassen. Das wird den Pfarrer gefreut haben! In Absprache mit der gräflichen Regierungskanzlei nahm er den Jungen im Pfarrhaus auf und unterrichtete ihn; sozusagen ein privater Konfirmandenunterricht.
Am 25. Mai 1777 war es dann soweit! Josias Jonas wurde unter seinem neuen Namen Josias Friedrich Reinhardt Joseph England unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, auch der aus Sommerhausen und anderen umliegenden Ortschaften, getauft. Taufpaten waren die Fürstin Josina Elisabetha von Hohenlohe, der Reichsgraf Christian Friedrich Carl von Pückler und die Rechteren-Limpurgischen Grafen Christian Friedrich Ludwig und Friedrich Reinhard Burkhardt. Da hat man sich nicht lumpen lassen! Allerdings waren die hohen Herrschaften nicht selbst anwesend, sondern wurden von vier Winterhäuser Ratsherren vertreten.                    DKW