Januar 2019
Aus dem Archiv erzählt
Die Schulchronik des Hauptlehrers Wilhelm Kiefer


Im Oktober 1953 kam der Hauptlehrer Wilhelm Kiefer (1905-1990) als Schulleiter nach Winterhausen. Viele ältere Mitbürger werden ihn noch kennen. Über viele Jahre führte er eine interessante Schulchronik. Hier ein Auszug aus dem Jahr 1958.
•    Die Gemeinde beschließt den Bau der vier Lehrerhäuser mit einer Bausumme von 140000 Mark. Dafür wird die Grundsteuer erhöht. Die Lehrerschaft ist nicht durchgängig begeistert, was den Bau verzögert.
•    Ein anderes großes Projekt ist der Bau der Straße nach Heidingsfeld bis zum Haltepunkt Rottenbauer.
•    Bei einem großangelegten Manöver der amerikanischen Truppen rollen im Februar Panzer durch Winterhausen. Es wird eine Pontonbrücke über den Main errichtet, wobei die ganze Schule zusieht.
•    Die Abendmahlgruppe der Nikolauskirche kommt nach einer Renovierung zurück.
•    Zum Tag des Baumes am 4. Mai pflanzen Schüler Linden in der Nähe der Mainlände.
•    Die Gemeindebücherei wird neu eingerichtet.
•    Die vierte Klasse fährt im Juni für fünf Tage in eine Jugendherberge in der Rhön.
•    Die Freiwillige Feuerwehr veranstaltet zum 80. Stiftungsfest eine Fahnenweihe.
•    Pfarrer Johann Matthäus Seitz wechselt nach 30jährigem Dienst in Winterhausen im September als Dekan nach Thalmässing. Die Familie verläßt unter Glockengeläut den Ort.
•    Das neue Schuljahr beginnt mit 36 Schülern in der ersten, 44 in der zweiten, 42 in der dritten und 28 in der vierten Klasse.
•    Den Festzug zur Kirchweih führt die Schule an, wofür die Kinder im Schützenhaus Wurst, Brötchen und Limonade erhalten.
•    Die Schulkinder unternehmen im September mit ihren Eltern eine Dampferfahrt von Winterhausen nach Karlstadt.
•    Es werden erstmals Tonfilme in der Schule verwendet.
•    An den Landtagswahlen im November nehmen 64,8% der Wahlberechtigten teil. Die SPD erhält im Ort 57,1% und die CSU 17,7%.
•    Im November wird der neue Pfarrer Erwin Trautner in sein Amt eingeführt
•    Die Schulkinder sammeln Gaben für Weihnachtspakete, die in die DDR geschickt werden. 

DKW

Februar 2019
Aus dem Archiv erzählt
Winterhäuser in Sommerhausen ermordet!


Michael Dauch wurde in Heidingsfeld geboren, lebte aber später in Winterhausen. Während des Dreißigjährigen Krieges hatte er als Fähnrich der kaiserlichen Kavallerie gedient. Krieg und Erbschaft machten ihn zum wohlhabenden Mann, und so konnte er nach seiner Rückkehr dem Rottenbauerer Junker Jakob Ernst von Wolffskeel 300 Gulden leihen. Dieser dachte aber gar nicht an eine Rückzahlung der Schuld und drohte seinem mahnenden Gläubiger in Rottenbauer sogar, ihn die Treppe hinabzuwerfen. Spätestens hier begann eine verbitterte Feindschaft zwischen Junker und Kriegsmann.
Am 5. September 1648 ging Dauch mit seiner Frau Catharina nach Ochsenfurt, um Wein zu verkaufen. Auf dem Rückweg traf er in Sommerhausen Jacob Ernst von Wolffskeel, der von einem Besuch bei Schenk Georg Friedrich kam. Wolffskeel behauptete später, Dauch habe den Hut tief in die Stirn gezogen und „gehöhnlächelt“. Das brachte den 24jährigen in Rage. Er bedrohte seinen unbewaffneten Gläubiger mit einer Pistole, die er wohl nur deshalb nicht gleich auf ihn abfeuerte, weil er sich in einem limpurgischen Ort befand. Als Dauch ihn aufforderte, sich vor dem Tor von Sommerhausen mit ihm zu duellieren, lehnte das Wolffskeel mit höhnischen Worten ab und steckt die Pistole wieder ins Halfter. Jetzt sprang Dauch vor, fiel dem Junker in die Zügel und entriß ihm die Pistole. Um Schlimmeres zu verhindern, entwandt ihm ein anwesender limpurgischer Diener die Waffe. Darauf zog Wolffskeel eine weitere Pistole und schoß Dauch nieder, worauf dieser sofort seinen Geist aufgab.
Wolffskeel versuchte zu fliehen, wurde aber gefangengenommen und sollte nachts unter Begleitung von 40 Musketieren nach dem Schloß Speckfeld gebracht werden. Bei Marktsteft gelang ihm die Flucht. Die Umstände lassen vermuten, daß dies ein abgekartetes Spiel des Schenken war, der verhindern wollte, daß Wolffskeel an das von ihm nicht akzeptierte Domkapitelsche Centgericht in Ochsenfurt ausgeliefert wurde. In Abwesenheit des Angeklagten begann nun in Ochsenfurt der Prozeß. Jacob Ernst von Wolffskeel einigte sich mit Michael Dauchs Witwe Catharina auf eine Entschädigung und wurde vom Gericht außerdem zu einer Strafe von 1000 Talern verurteilt, die aber auf 200 Taler heruntergehandelt wurden.
Michael Dauch wurde in Sommerhausen bestattet, wozu der Pfarrer in das Kirchenbuch schrieb: „ist allhier von einem Edelmann von Rottenbauer mörderischer Weise angeschossen und nachgehend christlich bestattet worden“. Wolffskeel trat erst einmal in niederländischen Kriegsdienst ein und verschwand so von der Bildfläche. Später sollte er noch viel Ärger in Winterhausen verursachen.                                    DKW

März 2019
Aus dem Archiv erzählt
Winterhäuser Familien: Die Adami
Die Adami (früher auch Adam) kamen über den Main von Sommerhausen nach Winterhausen. Es waren urspünglich Bader, Wundärzte bzw. Chirurgen, also handwerklich ausgebildete Mediziner, die auch kleinere Operationen durchführten und eine Badestube betrieben.
Der erste Winterhäuser Adami war Heinrich, der um 1700 seine Badstube im Haus Mauritiusplatz 14 etablierte, praktischerweise direkt neben dem Mainwirtshaus Goldener Schwan (später Goldener Löwe) gelegen. Das Recht, eine Baderei zu betreiben, war mit dem Haus verbunden. Im Jahr 1829 kam die Badergerechtigkeit zum Haus Hintere Gasse 5. Sieben der Adami-Nachkommen von Heinrich waren ebenfalls Bader und Chirurgen in Winterhausen, manchmal auch zwei Brüder gleichzeitig. Der Beruf stand in hohem Ansehen, im Kirchenbuch wurden die Bader und Chirurgen stets Herr genannt. Die Reputation litt auch nicht sonderlich, als der junge Chirurg Georg Heinrich Adami 1753 einem Kind bei der Geburt einen Arm abriß. Der letzte Adami-Bader, als Baders Lehnhard (Leonhard) bekannt, starb 1882. Sein Bruder Johann Valentin studierte als erster Winterhäuser Adami Medizin und praktizierte später in Sommerhausen.
Der Badersohn Georg Wilhelm Adami kaufte 1813 die Winterhäuser Ziegelei (heute Schulhof 2), ein sehr einträgliches Geschäft, das auch ein Sohn und ein Enkel weiterbetrieben. Ein Teil der Ziegel wurde mit dem Schiff auf dem Main in andere Orte geliefert.
Johann Georg und Georg Valentin Adami besaßen von 1762 bis 1777 bzw. von 1832 bis 1839 das Fährrecht und betrieben mit Hilfe eines Fährmanns die Mainüberfahrt und die Marktschiffe. Nach einem Urenkel des letzteren ist das Wolfgang-Adami-Bad in Würzburg benannt.
Vier Adami waren von 1817 bis in die 1920er Jahre Besitzer des Wirtshauses Goldenes Lamm (heute Stöcklein). Der Lammwirtssohn Johann Adami kam als Landwirt zu Wohlstand und stiftete 1890 eines der farbigen Fenster in der Nikolauskirche. Dafür erlaubte ihm Pfarrer Bock, sich eine tempelartige Begräbnisstätte neben dem Tor zum Kirchhof zu errichten. Für Johanns Stiefmutter hatte Bock aber nicht viel übrig, denn über sie schreibt er in der ihm eigenen Direktheit 1892 ins Kirchenbuch: „Trotz äußerer Wohlhabenheit lebte die dem Branntweingenuß früh ergebene Frau Lammwirtin in ganz zerrütteten Familienverhältnissen.“
Andere Adami waren Kaufleute und wohlhabende Landwirte. In einer Steuerliste von 1846 findet man unter den 25 reichsten Winterhäuser Bürgern sieben Adami. Die Mitglieder der Familie machten sich aber auch um die Gemeinde verdient. Fünf Adami waren Bürgermeister, viele andere Gemeinderäte und Feldgeschworene.            DKW

April 2019
Aus dem Archiv erzählt
Die Streitäcker am Altenberg


Dort wo der Mondweg von Norden her bei dem Steinbruch auf die Gemeindegrenze stößt, befinden sich rechts die etwa vier Morgen großen Streitäcker. Ihren Namen haben sie von einem fast 200 Jahre andauernden Streit mit den Darstadter Zobel um die Zehnteinnahmen von diesen Äckern. Einen Teil des Zehnten auf der Winterhäuser Markung erhielten von alters her das Würzburger Domkapitel und die Winterhäuser Pfarrei, die um 1550 lutherisch wurde. Aus Gründen der Vereinfachung tauschte 1563 das Domkapitel mit den Darstadter Zobel Einkünfte, wobei letztere den Getreidezehnt von vier Morgen Acker auf Winterhäuser Markung erhielten.
Der Kern des späteren Streites lag darin, daß im Tauschvertrag von 1563 nicht gesagt wurde, wo genau diese Acker lagen. Die Zobel behaupteten, daß es sich um die später so genannten Streitäcker handele. Nach Ansicht von Domkapitel, Winterhäuser Pfarrei und Amtmann in Sommerhausen stand aber der Pfarrei der Zehnt von diesen Äckern zu.
In den Jahren 1665 und 1668 protestierte das Sommerhäuser Amt bei der Zobelschen Verwaltung, weil deren Zehntknechte den Zehnt von den Streitäckern eingesammelt hatten. Dann war wieder die Winterhäuser Pfarrei schneller mit dem Einsammeln, und so ging es lange hin und her.
Die Sache eskalierte im Juli 1774, als die Darstadter Zehntknechte gerade den Zehnt von den Streitäckern auf den Wagen geladen hatten. Da tauchten plötzlich ihre Winterhäuser Kollegen auf, rissen jene an den Haaren zu Boden und verprügelten sie jämmerlich. Mit Heugabeln verfolgten sie den Wagen mit dem Zehntgarben mit Schimpf und Beleidigung und nahmen schließlich den Darstadtern den Zehnt ab. Es folgten ein Protest der Zobelschen Verwaltung und viele scharf formulierte Schreiben hin und her.
Im Jahr 1775 wartete der Winterhäuser Zehntner erst gar nicht, sondern holte den Zehnt von den mit Wicken (Ackerbohnen) bebauten Streitäckern. Bei der 1777er Ernte war es ähnlich wie 1774: Mit Gewalt nahmen die Zehntknechte der Winterhäuser Pfarrei ihren Kollegen von Darstadt den Zehnt von den Streitäckern ab.
Dann schien sich die Sache etwas beruhigt zu haben. Im Jahr 1809 sollten die Streitäcker von den Darstadter Besitzern an einen Winterhäuser verkauft werden. Die Zobelsche Herrschaft akzeptierte das nur unter der Bedingung, daß ihnen das Zehntrecht für die Äcker bestätigt würde. Darauf dürfte die Sommerhäuser Herrschaft kaum eingegangen sein.        DKW


Mai 2019
Aus dem Archiv erzählt
Wie sind die Winterhäuser?


Es ist doch immer interessant zu erfahren, wie andere über einen denken. Über die Eigenarten der Winterhäuser um 1850 gibt der damalige Ochsenfurter Bezirksarzt Dr. Christian Wilhelm Gustav Meyer (1805-1866) in seinen Physikatsberichten ausführliche Auskunft. Hier einige Auszüge, die auch andere Mainorte betreffen:
„In Ochsenfurt, Frickenhausen, Sommer- und Winterhausen, Eibelstadt trägt sich der beßre Bürgerstand ganz städtisch, das weibliche Geschlecht überbietet sich an Luxus und Nachäfferei, der den häuslichen Verhältnissen des Hausvaters oft sehr wehe thut. Leider folgen diesem unseeligen Vorbild auch die Dienstboten, weshalb die wenigsten mit ihrem Lohn ausreichen, Schulden machen, den Juden in die Hände fallen.
Durchschnittlich wird in Ochsenfurt und Winterhausen reichlich, in den andren Mainorten weniger gegessen. Die allgemeine Kochart ist jedoch schlecht, die Weiber verstehen sehr wenig, in den übrigen Mainorten spielen Kraut und Kartoffel die Hauptrolle.
Wohlstand könnte in Ochsenfurt bei dem starken Verkehr, der täglichen Erwerbsgelegenheit ein sehr erfreulicher sein, wenn nicht Lebsucht und Luxus zu viel verzehrten. Von den Mainorten ist Winterhausen, dessen gute Feldmarkung jedoch nicht außer Acht zu lassen ist, an der Spitze, zeichnet sich durch Fleiß, Einfachheit, Sparsamkeit und Nüchternheit, Rührigkeit im Handel aus.
Reinlichkeit sowohl in, als außer den Häusern läßt im Maingrund und Gau sehr viel zu wünschen übrig. Bei manchen Familien ist sie eine ungekannte Tugend. Zum Baden giebt es leider im ganzen Bezirk außer den am Main gelegenen Orten fast gar keine Gelegenheit. In Winterhausen sind Badanstalten im Main, die bezüglich der Bequemlichkeit sehr viel zu wünschen übrig lassen und nur von den Wohlhabenden benützt werden. Für Erwachsne und Kinder sind allenthalben sichre Plätze ausgesteckt.
In Sommerhausen begehen die Bewohner und namentlich die jungen Burschen die Kirchweih mit besondrer Festlichkeit und einem ungewöhnlichen Geldaufwand, sodaß sie sich das ganze Jahr hindurch die Vergnügungen versagen, um dann in kurzer Zeit das Ersparte in bacchantischer Lust zu verschwelgen. Das eigentliche Kirchweihfest beginnt schon am Sonnabend Abends durch sehr beliebte Sauerkraut und Schweinknöchelchen, auch Hasenpfeffer Portionen, meist noch mit gutem alten Bier und Blechmusik. Sofort findet am Kirchweih Mondtag ein feierlicher Aufzug der Bürger und Burschen statt. Unter Vorantritt der Musik und Vortragen von Fahnen wird in militärischer Ordnung nach dem Schießplatz gezogen, wo Schinken, Wurst, Ente und Gannsviertel, viel Bier und Wein Genuß, Abends Tanzmusik den Hauptinhalt des Festes bilden.
Den Schluß macht am Donnerstag der abgesonderte Schützenball. Fast ganz ähnlich wird die Kirchweih in Winterhausen gefeiert.“                            DKW

Juni 2019
Aus dem Archiv erzählt
Winterhäuser Taufen


Wie sah es in Winterhausen vor dem 19. Jahrhundert, in dem sich vieles änderte, mit den Kindertaufen aus? Seit dem Mittelalter waren, mit Ausnahme der einheimischen Juden, alle Winterhäuser Christen und wurden somit getauft. Nach einer groben Schätzung erhielten in der Nikolauskirche, die 1463 Pfarrkirche wurde, an die 15000 Kinder das Taufsakrament.
Auch in der lutherischen Kirche herrschte die Überzeugung, daß ein ungetauftes Kind nicht in den Himmel kommen könne. Daher wurden die Kinder meistens am Tag der Geburt oder am nächsten Tag getauft. Der Winterhäuser Pfarrer Georg Düring und seine Kollegen in Sommerhausen und Lindelbach widersetzten sich in diesem Punkt der Limpurgischen Kirchenordnung und tauften die Kinder später und dazu auch noch nackt. Sie erhielten dafür 1666 eine strenge Abmahnung seitens der Herrschaft. - Wenn zu befürchten war, daß ein Kind gleich nach der Geburt starb, mußte die Hebamme eine Nottaufe, damals auch Jachtaufe genannt, vollziehen. Zur Ausrüstung einer Hebamme gehörte zuweilen auch eine Spritze, mit der ein im Mutterleib zu sterben drohendes Kind durch den Geburtskanal hindurch getauft werden konnte.
 In Winterhausen hatten die Kinder meistens nur einen Paten, dessen Namen das Kind erhielt. Wenn sich ein Vorname einmal im Ort festgesetzt hatte, konnte er so nur schwer wieder verschwinden. Als Paten wurden oft junge Leute ausgesucht, die selbst Kinder hatten oder bald haben würden. Ältere Menschen wurden auch als Paten erwählt, wenn sie wohlhabend waren. Die Patenschaft war in einer Zeit, wo die Eltern öfter früh starben, eine Lebensversicherung für die Kinder.
Es kam immer wieder vor, daß auf einem Mainschiff eine Frau in die Wehen oder sogar niederkam. Dann verließ sie das Schiff im nächsten Ort wegen der nötigen Taufe und Versorgung. In den Wirtshäusern Zum Schiff und Weißer Schwan (letzterer befand sich früher auch am Main) kamen so nicht wenige Kinder zur Welt und wurden dort auch gleich getauft. Bei Katholiken versuchte man sogar, einen katholischen Paten zu besorgen. Notfalls mußte der Wirt oder dessen Frau Pate stehen.
Die Eltern unehelicher Kinder mußten Buße vor der Gemeinde tun. Insbesondere die Mütter wurden im Kirchenbuch mit unfreundlichen Worten wie „liederliche Dirne“ bedacht. Konnte der Vater ermittelt werden, so erhielt das Kind dessen Familiennamen. Auch wenn ein Kind zu bald nach der Hochzeit zur Taufe gebracht wurde, gab es strenge Ermahnungen.
Ein besonderer Fall war der des preußischen Wachtmeisters Johann Ernst Blau, dem 1770 in Winterhausen eine Tochter geboren wurde. Der Herr Wachtmeister genoß offenbar ein hohes Ansehen im Ort, denn mit den Ehefrauen des Amtsschultheißen, des Bürgermeisters, des Adlerwirts und eines Metzgermeisters erhielt das Kind gleich vier der besten Paten. Die Stimmung kippte, als eine Nachricht im Ort eintraf, die Pfarrer Yelin wie folgt im Kirchenbuch wiedergab: „Man hat einige Zeit nach der Geburt dieses Kindes in Erfahrung gebracht, daß dieser Wachtmeister schon einige Jahre mit der hier als seine Ehefrau angegebeneDirne lebe  und schon etliche Kinder mit ihr gezeuget habe.“                        DKW

Juli 2019
Aus dem Archiv erzählt
High Noon auf dem Höllberg


Der Sommerhäuser Herrschaftsrichter (vergleichbar mit dem heutigen Landrat) Johann Ernst Stadelmann war äußerst befremdet, als er im November 1820 erfuhr, daß seitens der Wolffskeelischen Herrschaft (zum Wolffskeelschen Ländle gehörten Reichenberg, Albertshausen, Hattenhausen, Uengershausen, Lindflur, Rottenbauer, Fuchsstadt, Geroldshausen und Uettingen) eine Jagd auf der Winterhäuser Gemarkung stattgefunden hatte und dabei auch Wildpret erlegt wurde. Eine genauere Recherche ergab, daß dieses mindestens seit 1804 so gehandhabt wurde, ohne Wissen der Limpurgischen Grundherrschaft. Nun richtig erbost schrieb Stadelmann an das Wolffskeelische Patrimonialgericht in Albertshausen und verbat sich weitere solche Jagden. Deren Teilnehmer würden in Zukunft wie Wilderer behandelt.
Die Freiherren von Wolffskeel antworteten, daß ihnen das Recht auf Koppeljagd (Jagd auf dem Gebiet einer anderen Herrschaft) in der Winterhäuser Gemarkung seit unvordenklichen Zeiten zustünde, und zwar von der Fuchsstadter Grenze an soweit, wie man des Maines nicht ansichtig wird. Es folgten unfreundliche Briefwechsel. Der Winterhäuser Bierbrauer Kaspar Dauch als Jagdpächter bekam die Anweisung, jeden Wolffskeelischen Jäger festzunehmen, den er auf Winterhäuser Gemarkung antrifft.
Am 6. November 1824 war es dann soweit. Als Dauch gerade sein Revier durchstreifte, vernahm er auf dem Höllberg Schüsse. Dem nachgehend sah er auch bald zwei Männer, die er als den Reichenberger und den Uengershäuser Jäger erkannte. Mit dem Gewehr im Anschlag machte er sich daran, beide festzunehmen. Während sich der Uengershäuser ergab, floh der Reichenberger. Ersterer weigerte sich aber, mit Dauch nach Winterhausen zu gehen. Dauch schleifte ihn über den Acker, aber bald verließen ihn die Kräfte. Der Gefangene rief jetzt nach dem Reichenberger. Der kehrte um, spannte sein Gewehr und legte auf Dauch an, welcher sofort die gleiche Position einnahm. Da sich dann doch keiner zu schießen traute, begann man zu verhandeln. Schließlich ließ Dauch beide laufen, nachdem sie zugesagt hatten, sich nicht wieder im Revier blicken zu lassen.
Nun schwoll den Wolffskeeler Freiherren der Kamm, und sie klagten vor dem Appellationsgericht in Würzburg, um ihr vermeintliches Recht auf Koppeljagd in der Winterhäuser Gemarkung durchzusetzen. Eine große Zahl von Zeugen wurde vernommen, aber letztlich konnten die Wolffskeel das Gericht nicht überzeugen. Im Oktober 1825 wurde die Klage abgewiesen, ebenso eine Berufung vor dem Oberappellationsgericht.         DKW


August 2019
Aus dem Archiv erzählt
Die Winterhäuser Schäferei


Seit alten Zeiten war jeder Winterhäuser Bürger berechtigt, seine Schafe auf dem Ödland und auf brachliegenden Äckern der Gemeindemarkung weiden zu lassen. Aber ab 1826 sah hier die Gemeinde eine neue Einnahmequelle und beschloß, eine Pachtschäferei einzurichten. Die Pacht für 6-9 Jahre wurde öffentlich verstrichen. Der Pächter durfte höchstens 200 Schafe halten und alles Ödland und alle brachliegenden Felder der Gemeindemarkung nutzen. Dem Schäfer standen damit 625 ha zur Verfügung, das sind 72% der Gemeindemarkung! Das Pferchrecht hatte die Gemeinde, bestehend aus der Mittags- und Nachtpferch. Die Gemeinde verstrich diese Pferchen tageweise von Mai bis Oktober an die Bürger, die dann bestimmen konnten, wo gepfercht (und damit gedüngt) wurde. Speziell für den Schaftrieb wurden diagonal durch das Uptalholz und das Scheinsbergholz Waldwege angelegt, die heute noch bestehen.
Schäferei- und Pferchpacht brachten der Gemeinde ziemlich viel Geld ein; im Jahr 1849/50 waren das 27% der Gemeindeeinnahmen. Die Interessen der Bürgern waren recht unterschiedlich. Die weniger begüterten schätzen die Verpachtung der Schäferei nicht, weil sie dann ihre eigenen Schafe nicht auf die Ödflächen und Brachen treiben konnten. Die begüterten Bürger konnten bei der Schäferei durch die Pferch ihre Felder verbessern. So gab es zu diesem Thema über Jahre hinweg die heftigsten Auseinandersetzungen mit wechselndem Abstimmungsergebnis auf vielen Bürgerversammlungen. Ein Bürgermeister sprach einmal von „Privatinteresse und Parthey-Wuth“. Die Bezirksverwaltung in Ochsenfurt mußte immer wieder eingreifen, wobei sie darauf bestand, daß im Falle der Nichtverpachtung der Schäferei die Mindereinnahmen durch eine Bürgerumlage kompensiert werden mußten. Das brachte die Schäfereigegner meistens wieder zur Räson.
Natürlich gab es auch Ärger mit der Schäferei selbst. Oft gab es Klagen der Bauern, deren Kleefelder die Schafe kahlgefressen hatten. Dann mußte der Schäfer Entschädigung zahlen. Aber auch die Schäfer hatten Grund zur Klage. Einmal hatte der Rottenbauerer Schäfer seine Schafe zum Schwemmen an den Main getrieben und dabei mit seinen Schafen den zur Schäfereipacht gehörenden Hutwasen abgeweidet.
Bis zum Jahr 1950 war die Pachtschäferei in Winterhausen zum Erliegen gekommen. Erst seit 1985 gibt es wieder einen Schäfer in der Gegend, dessen Herde vor allem der Erhaltung des Magerrasen-Biotops dient.                                    DKW

September 2019
Aus dem Archiv erzählt
Eine unendliche Geschichte


Beim Studium der Kirchenbücher und Archivakten lassen sich so manche soziologische Betrachtungen anstellen, so zum Beispiel diese, wie sich Armut und ein schlechter Ruf über Generationen fortpflanzen. Ein typisches Beispiel ist das folgende.
Es begann damit, daß sich die 21jährige Winterhäuser Bürgerstochter Maria Apollonia Wiedmann 1793 mit dem Sommerhäuser Sebastian Neuwirth einließ mit der Folge eines kleinen Adam. Neuwirth dachte gar nicht daran, sie zu heiraten, sondern wurde lieber bei den wohlhabenden Steinmann fündig. Später ging Apollonia als Dienstmagd nach Kitzingen, wo sie 1800 eine Liaison mit dem französischen Offizier Vial hatte, aus welcher der 1848er „Winterhäuser Revolutionär“ Johann Michael Vial entsprang. Der Offizier verschwand und sie saß wieder mit einem Kind da. Sie muß wohl ganz attraktiv gewesen sein, denn bald interessierte sich der ledige Winterhäuser Müller Johann Conrad Seim für sie, worauf sie 1807 mit der Tochter Anna Dorothea niederkam. Eine Partie war das natürlich für den wohlhabenden Müller nicht, und so war sie wieder allein. Schließlich heiratete sie 1818 den Winterhäuser Nachtwächter und Totengräber Johann Andreas Steinbrückner, sicherlich keine Liebesheirat.
Als uneheliches Kind aus ärmlichen Verhältnissen hatte die Tochter Anna Dorothea Seim nun auch keine besonders guten Karten auf dem Heiratsmarkt. Sie führte schließlich eine wilde Ehe mit dem unvermögenden Schreinergesellen Georg Andreas Wolf, aus der zwei Kinder hervorgingen, darunter der 1831 geborene Georg Michael.
Der stand bereits im Alter von 16 Jahren zusammen mit seinem Vater vor Gericht. Im Jahr 1852 wurde Georg Michael wegen Diebstahls zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Daraufhin erklärte man ihn für wehrunwürdig und verdonnerte ihn als Ersatz für den Wehrdienst zu sechsjähriger Bereitschaft zu Festungsschanzarbeiten. Im Jahr 1856 geriet er in den Verdacht, eine silberne Uhr gestohlen zu haben, und entwendete zusammen mit einem Kumpanen in der Eibelstädter Flur eine größere Menge Zwetschgen, worauf er wieder vor Gericht kam.
Auch Georg Michael Wolf hatte keine Chance, eine Heiratsgenehmigung zu bekommen. In den Jahren 1855 und 1858 bekam die ledige Anna Barbara Gräßler in Frickenhausen jeweils ein Kind von ihm. Um seiner Misere zu entkommen, beantragte er 1859 die Genehmigung zur Ausreise nach Australien. Um ihn endlich loszuwerden, war die Gemeinde Winterhausen sogar bereit, ihm die Reise zu bezahlen. Die Mutter seiner beiden Kinder forderte nun rückständige Alimente in Höhe von 80 Gulden, die Wolf aber nicht zahlen konnte. Daraufhin wurde das Gesuch abgelehnt.
Bis 1867 stand Georg Michael Wolf noch dreimal vor Gericht, dann verlieren sich seine Spuren.                                             DKW

Oktober 2019
Aus dem Archiv erzählt
Lutheraner, auf nach Winterhausen


Der Luthersche Reformationsgedanke fand von Anbeginn in den mainfränkischen Orten viele Anhänger. Bald entschieden sich auch einige Grundherren für die neue Lehre, und deren Orte wurden fortan evangelisch. Das Limpurgische Winterhausen wurde es 1543. Aber auch in den Gemeinden mit katholischer Herrschaft gab es Lutheraner, so auch in Eibelstadt, wo sie zunächst sogar in der Mehrheit waren.
Die Eibelstadter Lutheraner besuchten lutherische Gottesdienste in Erlach und in Kitzingen und später vor allem in Winterhausen, wogegen das Würzburger Domkapitel einen zähen Kampf führte. Im Jahr 1543 wurde nach Würzburg gemeldet, daß sonntags bis zu 140 Eibelstadter über den Main nach Winterhausen führen, um dort am Gottesdienst teilzunehmen. Selbst der Eibelstadter Pfarrverweser zeige Sympathien mit dem evangelischen Glauben. Der lutherische Winterhäuser Pfarrer Erasmus John gar habe die Mutter Gottes eine Hure genannt. Und die Heiligen sollten auch nicht mehr angebetet werden. - Sodom und Gomorrha!
Die Situation spitzte sich zu, als 1583 in Eibelstadt der gregorianische Kalender eingeführt wurde, Winterhausen jedoch beim Julianischen Kalender mit einer Differenz von zehn Tagen verblieb. An jedem Mittwoch fuhren nun die Eibelstadter Protestanten zum Winterhäuser Sonntagsgottesdienst. Mehrfach wurden deshalb mittwochs die Eibelstadter Stadttore geschlossen. - Mutig zeigte sich der evangelische Winterhäuser Pfarrer Burkhard Thüngersheim. Er fuhr nach Eibelstadt, um dort das Abendmahl zu spenden. Einige Bürger gaben ihm deshalb das Geleit bis vor das Tor. Da er zu einer Hochzeit wieder nach Eibelstadt kommen wollte, sollte er bei dieser Gelegenheit festgenommen werden. Der Domdekan riet aber ab, weil er einen Aufruhr befürchtete, denn die Eibelstadter seien bei Hochzeiten „doll und voll“. Man solle Thüngersheim bei einem Besuch im domkapitelschen Ochsenfurt verhaften.
Nun zog das Domkapitel die Zügel an. Bis Ostern 1594 sollten die Eibelstadter Lutheraner entweder wieder katholisch werden oder den Ort verlassen, also eine religiöse Säuberung. Einige Eibelstadter Familien beugten sich und siedelten nach Winterhausen über, aber bei weitem nicht alle. Die Lutheraner, die Weihnachten 1594 den Gottesdienst in Winterhausen besuchten, wurden umgehend gefangengesetzt. Am Karfreitag 1602 fuhren sogar besonders viele Eibelstadter nach Winterhausen. Der Eibelstadter Pfarrer klagte beim Würzburger Domdekan, daß Bürger, die „der widerwertigen Religion zugethan, hauffenweiß über den Main gefarn unnd zu Winterhausen den vermeinten Gottes Dienst besucht“ hätten. Im Jahr 1615 wurden 200 Eibelstadter wegen der lutherischen Mainüberquerung verhört. - Im 1618 beginnenden Dreißigjährigen Krieg gab es dann allerdings keinen Pardon mehr. Die letzten in Eibelstadt verbliebenen Evangelischen zogen 1623 nach Winterhausen.            DKW

November 2019
Aus dem Archiv erzählt
Weinbergpfähle


In den alten Zeiten boten die Winterhäuser Weinberge ein ganz anderes Bild als heute. Zum einen sahen sie wegen der sehr kleinteiligen Besitzverhältnisse romantischer aus; man kann es noch auf alten Bildern bewundern. Zum anderen verwendete man die sogenannte Kopferziehung der Weinstöcke, bei der am Ende der Vegetationsperiode alle einjährigen Triebe abgeschnitten wurden. Dadurch bekam das Stammende ein kopfartiges Aussehen. Die Weinbergpfähle wurden dann auch herausgenommen und lagerten über den Winter auf dem Weinberg.
Und genau das war das Problem. Um keine andere Sache wurde im Ort soviel gestritten wie um die Weinbergpfähle. Die Winterhäuser waren immer ein hochanständiges Völkchen, aber wenn es um die Pfähle ging, taten sich Abgründe auf. Die Klagen über den Diebstahl von Weinbergpfählen endeten erst im 19. Jahrhundert. Einen besonderen Raum nehmen sie im dem überlieferten Rüggerichtsbuch aus den Jahren 1597 bis 1614 ein. So wurde zum Beispiel Valtin Knauer 1609 zu der ziemlich hohen Strafe von zehn Pfund verurteilt, weil er aus Hans Schobers Weinberg soviel Pfähle weggetragen hatte, wie er in der Hand halten konnte.
Oft konnte aber der Diebstahl nicht wirklich nachgewiesen werden, sahen doch die Weinbergpfähle ziemlich gleich aus. Der (vermeintlich) Bestohlene wurde am Ende noch wegen übler Nachrede verklagt. Burkhard Neuber war 1610 der Ansicht, Lorenz Neuber habe Pfähle von ihm entfremdet, und schickte Ulrich Fesselmann zu ihm, er solle sie zurückgeben. Lorenz Neuber verlangte vor Gericht, daß Burkhard das beweisen solle. Ein Zeuge sagt unter Eid aus, daß er gesehen habe, wie der Kläger Pfähle in seinen Weinberg getragen habe, die er vorher nicht hatte. Lorenz Neubers Mutter habe auch gesagt: „es hat der Teufel meinen Sohn über die Pfeel gefürth, und wehr er zu mir kommen, ich ihme zwo oder drey Kötz (Tragkörbe) voll geben“. Es kommt schließlich zu einem gütlichen Vergleich. - Bastian Krafts Weib Margaretha verbreitete 1598, daß Martin Treu aus Martin Lindemanns Weinberg auf der Haigern Pfähle gestohlen habe. Treu klagte, und das Gericht verlangte, daß sie sagen solle, woher sie das wisse. Falls sie das nicht tue, solle sie zur Buße eines der getheilten Dreyen leisten, nämlich wahlweise entweder einen schweren Stein durch den Ort tragen oder für vier Wochen den Ort verlassen oder fünf Pfund Strafe zahlen.
Schließlich eigneten sich die praktischerweise überall herumliegenden Pfähle bestens als Nahkampfwaffe. Veit Brandt zahlte siebeneinhalb Pfund, weil er 1603 Jörg Hasenleuffer mit einem Pfahl blutiggeschlagen hatte. Im gleichen Jahr beschuldigte Hans Schellers Hausfrau den Ratsherren Wilhelm Zeitler, er habe sie mit Weinbergpfählen geschlagen, worauf ihr Kind im Mutterleib eine schwere Krankheit bekommen und später deswegen gestorben sei. Sie konnte das vor Gericht nicht beweisen und mußte als Buße den Ort für vier Wochen verlassen.                                            DKW