Januar 2020

Aus dem Archiv erzählt
Winterhäuser Tanzvergnügen

Da die Winterhäuser sehr musikalisch sind, verwundert es nicht, daß auch das Tanzbedürfnis immer recht ausgeprägt war. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Man muß es ja nicht gleich so toll treiben, daß einem die Archillessehne reißt.

Wie sah es in den 1860er Jahren mit den Winterhäuser Tanzvergnügen aus? Zunächst einmal fanden sie in den fünf Winterhäuser Wirtshäusern statt: Im noch heute bestehenden Schiff, im Weißen Schwan (Rathausplatz 3), im Schwarzen Adler (Hauptstraße 7), im Goldenen Lamm (Maingasse 1, heute Stöcklein‘s) und im Goldenen Löwen (Mauritiusplatz 12). Allerdings fiel das Lamm in der fraglichen Zeit aus, da der alte Lammwirt Ludwig Adami gerade verstorben und die Nachfolge noch nicht geregelt war. Schiff, Adler und Löwe waren im Besitz von Angehörigen der Familie Dauch, wobei zwei der Wirte Neffen des dritten waren.

Natürlich bedurfte eine Tanzveranstaltung  stets einer Genehmigung, um die man zu dieser Zeit noch unterthänigst ansuchen mußte. Zum Beispiel zur Kirchweih 1862: Die Gesuche von Adler, Schwan und Löwen wegen der Tanzmusik am Sonntag und am Montag wurden genehmigt, auch der der Schützengesellschaft für den folgenden Donnerstag im Adler. Allerdings, so der Bürgermeister, wäre den "Nichtschützen auch eine Gelegenheit zu einem Vergnügen zu gönnen", deshalb wurde für den gleichen Tag ein Bürgerball im Schwan beantragt und auch genehmigt. Als jedoch der nicht ohne Grund etwas unbeliebte Schiffswirt Binder für den 28. September um eine Tanzgenehmigung nachsuchte, wurde er barsch abgewiesen: Er hätte doch zur Kirchweih genug Gelegenheit gehabt.

Nicht nur zu Kirchweih wurde ausgiebig getanzt, sondern auch zu den Jahrmärkten, die um den 30. April (Walpurgis) und den 25. Juli (Jacobi) stattfanden. Am dritten Jahrmarkt um den 21. Dezember (Thomas) durfte nicht getanzt werden, die Adventszeit war damals Fastenzeit. In den katholischen Orten ging diese Fastenzeit bis zum Dreikönigstag. Das königliche Bezirksamt in Ochsenfurt konnte es aber offenbar nicht ertragen, daß die lutherischen Orte hier gesetzlich bessergestellt wurden und lehnte 1866 ein Gesuch der Schwanenwirtin Clara Michels um eine Sylvestertanzmusik ab.

Am 12. Mai 1864 wollten die Winterhäuser ledigen Burschen im Adler einen Ball abhalten, "bei welcher Gelegenheit eine alte Sache bezüglich einer von den Mädchen geschenkt erhaltenen Fahne, worauf noch Schulden zu bezahlen sind, ins Reine gebracht werden soll". Der Bürgermeister Leonhard Friedrich Richter unterstützte das Vorhaben und das Bezirksamt genehmigte es. Allerdings wurde die Polizeistunde auf 12 Uhr festgesetzt, schließlich handelte es sich doch um einen Donnerstag.

Bewundernswert sind die kurzen Bearbeitungszeiten für die Tanzgesuche. Manchmal wurden sie erst zwei Tage vor dem Tanz in Winterhausen nach Ochsenfurt geschickt, und die Antwort war noch rechtzeitig zurück.                                                                                                                             DKW 

Februar 2020

Aus dem Archiv erzählt
Leibgedinge

Grundbesitz als Gegenwert für ein Leibgeding zu erwerben ist eine feine Sache: Z.B. bekommt Person A von Person B ein Haus und muß als Gegenleistung nichts bezahlen sondern B nur versprechen, für sie bis zu ihrem Ableben etwas genau Festgelegtes zu tun. Wie etwa eine monatliche Geldzahlung, eine Versorgung mit Naturalien oder eine Pflege im Krankheitsfall. Nur leider kann sich die Dauer der Zuwendungen ziemlich in die Länge ziehen und dann von A doch als größere Last empfunden werden. Irgendwann leidet A so sehr, daß er das Ableben von B regelrecht herbeisehnt (oder organisiert). Person B hingegen, je nach Charakter, leidet mit oder ergötzt sich am Leiden von A. (In einem ähnlichen Kontext meinte Arthur Schopenhauer beim Ableben einer von ihm zwangsalimentierten Frau lakonisch: Obit anus, abit onus - die Alte stirbt, die Last vergeht.)

Auch in Winterhausen war der Erwerb von Immobilien gegen ein Leibgeding nicht unüblich. Gerade Witwen, die nach dem Tode ihres Ehemannes keine Einnahmequelle mehr hatten, versuchten auf diese Weise, sich ein lebenslanges Auskommen zu sichern.

Im Jahre 1763 schenkte die Melberswitwe Maria Catharina Gleiß ihrem Sohn Georg Adam ihr Haus gegen die amtlich niedergeschriebenen Erklärung, daß er sie "lebenslang in gesund und kranken Tagen versorgen, verpflegen und warten wolle". Das klappte auch mit einer Schwiegermutter, denn im gleichen Jahr vermachte die Schlosserwitwe Anna Dorothea Hirth ihrem Schwiegersohn Andreas Dürr ihr Haus gegen die Versicherung, daß er sie, wenn sie "bettlägerig werden sollte, heben und legen und ihr aufwarten wolle". Die Maurerswitwe Maria Barbara Heuner übergab ihrem Sohn Johann Georg 1806 ihr Haus mit der Bedingung, daß er sie "lebenslängich im Hause frey behalten und nothdürftig [den Bedürfnissen entsprechend] ernähren und versorgen, auch nach ihrem Todte auf seine Kosten beerdigen lassen solle".

Manchmal wurde auch explizit mit Konsequenzen bei Nichterfüllung der Verpflichtungen gedroht. Die Witwe Maria Barbara Fuchs ließ 1787 bei einem Hausverkauf an Johann Thomas Trunk im Preis nach mit der Bedingung von  lebenslangem Unterhalts und der Pflege. Sollte sie aber nur die geringste Klage erheben, so müsse er sich einem Spruch des Gerichts unterwerfen.

Ein sehr einträgliches Geschäft machte der Pfarrer Philipp Christian Gottlieb Yelin (1767-1785 in Winterhausen), als er 1778 mit dem zweimal geschiedenen Bernhard Feyhl einen Vertrag schloß: Letzterer übereignet Yelin sämtlichen, ziemlich umfangreichen Besitz, bestehend aus einem Haus, Weinbergen, Feldern und Mobiliar. Feyhl sollte dafür bei Yelin wohnen und verpflegt werden. Als Feyhl bereits 1780 starb, gab es jedoch Ärger: Feyhls erste Frau hatte noch 700 Gulden aus ihrem in die Ehe gebrachten Vermögen zu bekommen, die sie jetzt von Yelin verlangte. Der zog die Sache in die Länge, bis er 1784 selbst von seiner Frau geschieden war und diese kurz darauf starb. Jetzt verwies er die Gläubigerin an die Erben seiner geschiedenen Frau. Der Jurist und Reichshofrat Johann Niklas von Schwabenhausen bezeichnete das als "Erbschleicherei", aber Yelin gelang es, die Dinge immer so darzustellen, daß seine Beliebtheit bei den Winterhäusern kaum Schaden nahm.                                   DKW

März 2020

Aus dem Archiv erzählt
Winterhäuser Familien: Die Binder

Der Urvater der Winterhäuser Binder ist Johann Peter Binder (1673 - 1730). Woher er kam, ist unbekannt; aus Winterhausen oder Sommerhausen stammte er jedenfalls nicht. Auch seine ersten drei Kinder wurden nicht hier getauft. Beim Taufeintrag des vierten Kindes wurde er hier "Bestandswirth im Maynwirthshaus" genannt. Er hatte also um 1715 das Mainwirtshaus gepachtet, das sich damals am Main befindliche Wirtshaus Zum Schwanen (Mauritiusplatz 12).

Der Profession des Gastwirtes blieben die Binder lange Zeit treu, als Wirte waren sie aber alle auch gleichzeitig Metzger. Zwei Söhne von Peter Binder wurden wieder Wirte. Johann Georg  besaß ab 1744 das Löwenwirtshaus (das  befand sich damals nicht am Mauritiusplatz 12, wo es später war, sondern in der Alten Brückenstraße 16), verlor es aber um 1750 wieder und wurde gar um 1762 "wegen Diebstahls und anderer Laster" des Landes verwiesen. Also eher ein schwarzes Schaf der Familie. Sein Bruder Johann Andreas war erfolgreicher. Er konnte sich 1744 im Wirtshaus Zum Schiff etablieren, und hier blieben die Binder über vier Generationen bis 1862: Georg Simon ab 1770, Johann Christian ab 1807 und Christian ab 1855. Georg Simon erlebte im Schiff das furchtbare Hochwasser von 1784, wozu es einen interessanten Bericht gibt. Johann Christian war ein recht streitbarer Mensch: Wurde er nach Sommerhausen ins Amt zitiert, schickte er seine Frau, die dann mit +++ unterschrieb. Ein Protokoll, das eine Grenzsteinentfernung seinerseits feststellte, weigerte er sich zu unterschreiben. Zu einem diesbezüglichen Ortstermin schickte er eine Tochter, "da ich nicht geneigt bin, mit dem Viereramte zusammenzutreffen". Wandernde Handwerksburschen ließ er nicht in seinem Wirtshaus übernachten, obwohl er dazu verpflichtet war, usw. usf. Als Schiffswirt konnte man sich damals offenbar eine ganze Menge leisten.

Eine andere Binder-Wirtslinie etablierte sich erfolgreich 1755 im Wirtshaus Zum weißen Schwan: Johann Adam bis 1763, Johann Wolfgang bis 1790, Johann Adam bis 1803 (da zog der Schwan um zum Rathausplatz 3) und Ludwig bis 1827. Der erste Johann Adam machte später im Sommerhäuser Ochsen Karriere. Johann Wolfgang besaß auch zusätzlich noch das alte Löwen-Wirtshaus, das beim Hochwasser 1784 unterging. Ludwigs Frau reichte 1825 die Scheidungsklage ein, worauf 1826 wegen der nötigen Güterteilung das Schwanenwirtshaus versteigert wurde. Das konnte Ludwig wohl nicht verkraften, er brachte am 22. April 1827 erst seine Frau und dann sich selbst mit einem Messer um. Auch sein Sohn Georg Heinrich suizidierte: er erschoß sich 1888 mit einem Gewehr.

Andere Binder waren Büttner, Schreiner (Fährweg 1), Schmied und Bäcker (Fährweg 4), einige Binder dienten der Gemeinde als Feldgeschworene. Luise Binder aus der siebenten Binder-Generation war von 1930 bis 1960 die allseits beliebte, letzte Hebamme in Winterhausen. Sie betrieb eine regelechte Entbindungsstation im Haus Alte Brückenstraße 2, in der wohl etwa 1000 Winter- und Sommerhäuser mit ihrer Hilfe das Licht der Welt erblickten. Diese Winterhäuser Besonderheit könnte man doch mit einer kleinen Tafel am Haus würdigen.   DKW

April 2020

Aus dem Archiv erzählt
Ackerstreit

Der Winterhäuser Wagnermeister Johann Michael Stahl hatte schon seit einiger Zeit den Eindruck, daß an seinem Feld etwas fehle, und zwar zum benachbarten Feld des Schiffswirtes Georg Simon Binder hin. Nun traf es sich gut, daß Stahls Freund Johann Christoph Höchstetter als Tagelöhner bei Binder arbeitete. Als der sich 1770 anschickte, das Bindersche Feld zu pflügen, bat ihn Stahl, den Pflug ein Loch tiefer zu stecken, um zu sehen, ob da ein Grenzstein vorhanden sei. Das tat Höchstetter auch und fand tatsächlich einen Stein fünf Furchen weit im Binderschen Acker.

Daraufhin bat Stahl die Geschworenen um die Vermessung und Versteinung seines Ackers. Das kam aber nicht zustande, weil diese weder im Herbst 1770 noch im Frühjahr 1771 einen Feldgang hielten. Nun schuf Stahl vollendete Tatsachen, indem er auf dem fraglichen Ackerstreifen Klee aussäte. Als Binder dann sein Feld mit Mangold bepflanzen wollte, holte Stahl die gerade verfügbaren Geschworenen Johann Philipp Pfeiffer und Johann Bernhard Lorenz zum Stein. Diese erkannten ihn als echt an, vermaßen die beiden Äcker und verglichen das Ergebnis mit den Einträgen im Lehnbuch. Das erstaunliche Ergebnis: Der Stahlsche Acker umfaßte 112 1/2 Quadratruten statt 106 im Lehnbuch; und der Bindersche 52 1/2 Quadratruten statt 50. Eine wundersame beidseitige Flächenvermehrung um 6% bzw. 5%! Das sprach aber im Grunde für die Richtigkeit der Steinposition.

Nun beschwerte sich Binder am 14. Juni beim Amtsschultheißen Georg Ludwig Steininger darüber, daß ihm durch das Stahlsche Überpflügen der Grenze "etliche Ruthen Acker in der Oberen Hofstatt eigenmächtig von seinem Guth, welches sein Vatter schon über 10 Jahr in ruhigen Besiz gehabt, entzogen" habe. Steininger vernahm die beiden Kontrahenten und einige andere Bürger als Zeugen und schickte schließlich nochmal die Geschworenen zum Stein. Zu ihrer großen Überraschung mußten sie feststellen, daß der von Stahl gefundene Stein im Feld herausgenommen und durch einen anderen Stein ersetzt worden war, der auch nicht die untergelegten Geheimnisse aufwies. Das löste bei beiden Parteien Empörung aus und Stahl meinte: "Ein Schelm und Spitzbub habe solchen herausgethan. Dieser sollte 10 Jahr nach seinem Tod darauf herumgehen und keine gesunde Stund mehr haben, bis er es anzeige und sein Gewissen frey mache." Sowohl Stahl als auch Binder waren bereit zu beeiden, daß sie mit dem Steinaustausch nichts zu tun hätten.

Spätestens hier hatte sich dieser Streit zu einem Kriminalfall entwickelt. Dem Schultheißen wurde die Sache nun zu heiß, und er verwies die Angelegenheit an das Amt in Sommerhausen. Man verhandelte aber am 16. Juli weiter im Winterhäuser Rathaus, wozu der Amtmann Johann Ludwig Briel mit dem Schelch übersetzte. Den ganzen Tag befragte er Zeugen, was aber nichts Neues erbrachte. Schließlich bewegte er beide Parteien zu einem Vergleich: Sie waren einverstanden mit einer Neuvermessung und -versteinung durch die Geschworenen und mit einer Übernahme der Kosten zu gleichen Teilen.      DKW

Mai 2020

Aus dem Archiv erzählt
Alte Straßennamen und Hausnummern

Was kann man über frühere Namen der Winterhäuser Straßen bzw. Gassen sagen? Leider gibt es keine expliziten Aufzeichnungen darüber, man ist auf Zufallsfunde in verschiedenen alten Dokumenten angewiesen. Einigermaßen ergiebig sind die Aufzeichnungen über die Besitzveränderungen im Ort, wo man die Lage der Häuser mehr oder eher weniger genau beschreibt.

Zunächst gibt es Zuordnungen von Häusern zu den einzelnen Ortsvierteln, die es schon seit dem Mittelalter gab: 1. Viertel (Kirchberg mit Rathaus, Hintere Gasse, Teile der Häckergasse und der Langen Gasse), 2. Viertel: (Kirchgasse, Mittlere Gasse, Teile der Häckergasse und der Langen Gasse), 3. Viertel (zwischen Rathausplatz und Bucksweg, Maingasse, Dözel, Teil der Langen Gasse) und 4. Viertel (alles außerhalb der Ortsmauern). Das 4. Viertel wurde auch der Äußere Flecken genannt. Größere Teile des Äußeren Fleckens waren der Scheckersgrund, der Dürre Hof und der Gemeindeplatz unterhalb der Stiegel. Deren Umfang erkennt man an der Anzahl der Hausbesitzveränderungen. Die Lokalisierung dieser Gemeindeteile ist schwierig. Der Scheckersgrund muß ziemlich groß gewesen sein, er befand sich wohl jenseits der südlichen Mauer (Äußere Gasse). Mit dem Gemeindeplatz unterhalb der Stiegel kann nur das altbebaute Gebiet an der Goßmannsdorfer Straße gemeint sein. Beim Dürren Hof ist man von aller Gewißheit verlassen. Vielleicht weiß einer der Leser mehr, das wäre sehr erfreulich.

Bei den Straßen gab es zuächst die Straße, also die Hauptstraße. Alles andere waren Gassen, und hier ging es mit der Bezeichnung schön durcheinander. Alles unterhalb der Hauptstraße konnte irgendwie Maingasse genannt werden: Maingasse, Hintere Maingasse, Mittlere Maingasse. Aber auch Untere Gasse (Lange Gasse), Mittlere Gasse, Hintere Gasse (wohl nicht die heutige, sondern eher die Äußere Gasse), Erste Gasse (wohl die Hintere Gasse), (Untere) Zwerchgasse (Lange Gasse, zwerch = quer) und Hintere Zwerchgasse (Dözel). Dözel als Gasse gab es damals noch nicht, sondern damit waren die Gartengrundstücke direkt an der Innenseite der Mauer gemeint. Die  Alte Brückenstraße hieß vor dem Bau der alten Mainbrücke Grabengasse. Nach dem Bau hieß sie zunächst einmal Brückengasse, aber seit wann heißt sie Alte Brückenstraße?

Dann gab es auch noch Ortsangaben. Die Ziegelhütte war das Gebiet zwischen Schule und Raiffeisenbank. Das Entenloch und die Wasserschopfen können eigentlich nur am Main gewesen sein. Referiert wurde auch auf Gebäude wie die Tore, die Kirchen, die Mühle, das Fährhaus, die Wirtshäuser und das Badhaus (Mauritiusplatz 14).

Die sehr nützlichen Hausnummern wurden hier wohl im Zusammenhang mit der Bajuwarisierung Frankens eingeführt. Im Kirchenbuch werden sie zum ersten Mal im Jahre 1807 verwendet. Die damals vorhandenen Häuser im Ort wurden von 1 bis 221 durchnumeriert, später wurde entsprechend erweitert. Die heutigen, straßenbezogenen Nummern gibt es erst seit 1981. (Eine Übersetzung von neu auf alt findet man im Büchlein Verraint und versteint das man im Rathaus erwerben kann.)                                                                                         DKW

Juni 2020

Die verhinderte Schlacht am Bromberg

Der Steinbruch am Dreimärkerpunkt Rottenbauer - Heidingsfeld - Winterhausen lieferte die wertvollen, beständigen Eichensteine, mit denen u.a. die Würzburger Mainbrücke ab 1476 wiedererrichtet wurde. Die Steine wurden bis zum Bromberghang gezogen, wo man sie hinunterpoltern ließ, um sie dann auf dem Main weiterzutransportieren.

Im Jahr 1475 wurde zwischen Bischof, Domstift und Bürgermeister von Würzburg und dem Limpurger Schenken als Dorfherren von Winterhausen ein Vertrag über die Nutzung des Steinbruches geschlossen. Die Rottenbauerer Wolffskeel waren nicht dabei, also auch nicht betroffen. Trotzdem behaupteten sie schon vor 1544, daß der Steinbruch ihr Eigentum sei. Ihr Anspruch ging noch weiter bis zur halben Höhe des Bromberghanges. Dieser Streit wurde vor das Reichskammergericht gebracht, wo der Prozeß erst 1806 infolge der Auflösung des Deutschen Reiches eingestellt wurde. Als der Dorfherr Jacob Ernst von Wolffskeel gerade einmal im Ausland weilte, weil er in Sommerhausen einen Mann umgebracht hatte (siehe KB 2019/2), nutzten die Winterhäuser und Heidingsfelder 1655 die Gunst der Stunde, um am Steinbruch,  etwas entfernt von der Rottenbauerer Markung, einen gemeinsamen Grenzstein zu setzen. Als der Wolffskeel wieder heimkehrte, ließ er 1659 den Stein herausreißen und das Winterhäuser Zeichen abmeißeln. So blieb der Stein dort ganze 155 Jahre so liegen.

Die Sache eskalierte 1741, als die Winterhäuser wieder einmal einen Markungsumgang durchführten, bei dem die gesamte Markung umschritten werden mußte. Also auch das strittige Steinbruchgebiet. An der fraglichen Stelle erwartete sie Johann Philipp von Wolffskeel mit sämtlichen Untertanen von Rottenbauer und Fuchsstadt, um genau das zu verhindern. Die Winterhäuser unterliefen die Blockade, indem die kleinen Buben als Vorhut zwischen den Wolffskeelischen Reihen hindurchschlüpften und die Situation völlig unübersichtlich wurde. Wolffskeel gab schließlich auf.

Beim nächsten Winterhäuser Umgang 1765 hatte  Wolffskeel aus dieser Erfahrung gelernt. Er ließ, mit Hilfe des Würzburger Bischofs, 700 bewaffnete katholische Untertanen am Bromberg entlang der von ihm behaupteten Grenze aufmarschieren. Wenn die Winterhäuser der Linie zu nahe kämen, sollte geschossen werden. Das wollte der Sommerhäuser Amtmann unbedingt verhindern. Er verbot deshalb den Winterhäuser Markungsumgang. Erfolglos, denn die etwa 400 Mann starken Winterhäuser marschierten kampfeswillig und vollbewaffnet trotzdem los. Nun zog der Amtmann alle Register. Er ließ aus Ochsenfurt einen Notar als neutralen Zeugen kommen und wies die Winterhäuser an, unterwegs erst einmal auf diesen zu warten. In der Zwischenzeit ließ der Amtmann Wein und Brot anfahren. Als der Notar endlich eintraf, waren die Winterhäuser nicht mehr kampffähig. Die Schlacht am Bromberg fiel aus. Die katholischen Kämpfer bedauerten das sehr: "Wann nur die lutherischen Hund gekommen wärn!"

Erst nach der bayerischen Landnahme 1814 wurde der Streit endgültig per Dekret beigelegt. Die Grenze wurde ganz im Winterhäuser Sinne festgelegt, wie sie noch heute existiert, mit vier zusätzlichen Steinen mit der Zahl 1814.                                                                                DKW

Juli 2020

Winterhausen im Preußisch-Österreichischen Krieg 1866

Dieser Krieg war im Grunde eine Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich um die Vormachtstellung im Deutschen Bund. Fast alle deutschen Staaten waren irgendwie beteiligt, wobei Bayern an der Seite der österreichischen Bundestruppen stand. Mit dem preußischen Sieg in der Schlacht bei Königgrätz am 4. Juli 1866 wurde der Krieg beendet. Die direkten Auswirkungen des Krieges auf den Ort hat der Winterhäuser Kammacher und Feldgeschworene Ernst Friedrich Richter (1826-1903, Hintere Gasse 6/7) in seinen Aufzeichnungen beschrieben (leicht gekürzt, Anmerkungen in eckigen Klammern):

Denn gleich nach dem Kriegsbeginn [14. Juni] kamen manchen Tag 6-8 extra Eisenbahnzüge mit österreichischen Bundestruppen an, welche theils fröhlich theils traurig, gleichsam ihr trauriges Geschick ahnend, jedoch sämtlich aufs freundlichste uns Lebewohl zuwinkten. Was war das erst später, als die Kriegsgefahr für unsere Frankenstadt näher rückte, für ein schreckensverbreitendes Treiben auf der Bahn und den Straßen! Viele Züge unseres Militärs wurden da bald auf, bald ab mit Kanonen und Kriegsbedarf gefahren. Die Angst der Leute vermehrte sich, da sich das Gerücht verbreitete, der Feind sei in großen Massen uns ganz nahe. Auch wollte man wissen, daß er überall schrecklich hauste, und auch die junge Mannschaft, wo er einrücke, nach Preußen transportieren lasse, um ihnen das Exerzieren lernen zu lassen und dergleichen Lügen mehr; aber alle wurden als gute Münze angenommen und geglaubt.

Endlich, nach manchen Wochen von Furcht und Hoffen, kamen zersprengte Bundestruppen. Weil man noch keine Preußen zu Gesicht bekam, schöpfte man wieder Mut, bis endlich das Blitzen der Kanonen auf dem Höchberger und Randesackerer Berg keinen Zweifel mehr ließ, daß der Feind die Feste Würzburgs belagert habe [27. Juli]. Nun wurden hier die besten Habseligkeiten versteckt, im Keller und da man schon dachte, es könne ein Zusammenstoß hier stattfinden und dabei unser Ort in Brand geschossen werden so könnt ihr auch denken wie uns zu Muth war.

Nicht lange dauerte es, so kamen einzelne Preußische Husaren gesprengt, vernichteten den Telegraphendraht, legten der Gemeinde einen Tribut von nötigen wie luxuriösen Mundbedarf auf und ließen den Eilzug nicht nach Würzburg. Nun postierten sich in Randesacker, Sommerhausen und Kitzingen Bundestruppen. Der Fährer mußte auf Befehl der Preußen Brücke, Kähne und Marktschiff mit Steinen füllen und versenken, und von Seiten unserer Leute wurde die Ochsenfurter Brücke theilweise zerstört.

Da die Not für uns am größten war, war Gottes Hilfe am nächsten. Es kam ein Waffenstillstand zuwege [28. Juli], welcher den Friedensschluß zur Folge hatte [22. August]. Die Preußen zogen mit klingendem Spiel in großen Massen hier ein, blieben 6 Wochen in unthätiger Ruhe hier liegen, obwohl die letzten 4 Wochen nicht mehr in so großer Zahl. Sie hielten sich schadlos für die 9 Tage und Nächte im Höchberger Wald zugebrachten Anstrengungen und Entbehrungen, denn sie hatten kein Brot und mußten dort oft rohe Kartoffel essen, litten auch Durst usw. Wir mußten jedem Mann morgens Kaffee, genügend weißes Brod, 9 Uhr Butterbrod, mittags 1 Pfund Fleisch, Suppe und Gemüs, abends wieder Suppe geben. Die Pferde lichteten die Heuböden, und wo es an Streu mangelte, streuten sie mit ausgedroschenem Korn ein. [Im Rathaus wurde ein Lazarett für die preußischen Soldaten eingerichtet, wo am 8. August auch ein Musketier an Typhus starb.]

Viele mußten diesem unseligen Bruderkrieg ihr Leben oder gerade Glieder opfern, von hier erhielt ein Einziger mit Namen Kaspar Braungardt einen Schuß im Oberarm, welcher aber wieder vollständig geheilt wurde. [Insgesamt nahmen fünf Winterhäuser an diesem Krieg teil.]                                     DKW