Januar 2020

Aus dem Archiv erzählt
Winterhäuser Tanzvergnügen

Da die Winterhäuser sehr musikalisch sind, verwundert es nicht, daß auch das Tanzbedürfnis immer recht ausgeprägt war. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Man muß es ja nicht gleich so toll treiben, daß einem die Archillessehne reißt.

Wie sah es in den 1860er Jahren mit den Winterhäuser Tanzvergnügen aus? Zunächst einmal fanden sie in den fünf Winterhäuser Wirtshäusern statt: Im noch heute bestehenden Schiff, im Weißen Schwan (Rathausplatz 3), im Schwarzen Adler (Hauptstraße 7), im Goldenen Lamm (Maingasse 1, heute Stöcklein‘s) und im Goldenen Löwen (Mauritiusplatz 12). Allerdings fiel das Lamm in der fraglichen Zeit aus, da der alte Lammwirt Ludwig Adami gerade verstorben und die Nachfolge noch nicht geregelt war. Schiff, Adler und Löwe waren im Besitz von Angehörigen der Familie Dauch, wobei zwei der Wirte Neffen des dritten waren.

Natürlich bedurfte eine Tanzveranstaltung  stets einer Genehmigung, um die man zu dieser Zeit noch unterthänigst ansuchen mußte. Zum Beispiel zur Kirchweih 1862: Die Gesuche von Adler, Schwan und Löwen wegen der Tanzmusik am Sonntag und am Montag wurden genehmigt, auch der der Schützengesellschaft für den folgenden Donnerstag im Adler. Allerdings, so der Bürgermeister, wäre den "Nichtschützen auch eine Gelegenheit zu einem Vergnügen zu gönnen", deshalb wurde für den gleichen Tag ein Bürgerball im Schwan beantragt und auch genehmigt. Als jedoch der nicht ohne Grund etwas unbeliebte Schiffswirt Binder für den 28. September um eine Tanzgenehmigung nachsuchte, wurde er barsch abgewiesen: Er hätte doch zur Kirchweih genug Gelegenheit gehabt.

Nicht nur zu Kirchweih wurde ausgiebig getanzt, sondern auch zu den Jahrmärkten, die um den 30. April (Walpurgis) und den 25. Juli (Jacobi) stattfanden. Am dritten Jahrmarkt um den 21. Dezember (Thomas) durfte nicht getanzt werden, die Adventszeit war damals Fastenzeit. In den katholischen Orten ging diese Fastenzeit bis zum Dreikönigstag. Das königliche Bezirksamt in Ochsenfurt konnte es aber offenbar nicht ertragen, daß die lutherischen Orte hier gesetzlich bessergestellt wurden und lehnte 1866 ein Gesuch der Schwanenwirtin Clara Michels um eine Sylvestertanzmusik ab.

Am 12. Mai 1864 wollten die Winterhäuser ledigen Burschen im Adler einen Ball abhalten, "bei welcher Gelegenheit eine alte Sache bezüglich einer von den Mädchen geschenkt erhaltenen Fahne, worauf noch Schulden zu bezahlen sind, ins Reine gebracht werden soll". Der Bürgermeister Leonhard Friedrich Richter unterstützte das Vorhaben und das Bezirksamt genehmigte es. Allerdings wurde die Polizeistunde auf 12 Uhr festgesetzt, schließlich handelte es sich doch um einen Donnerstag.

Bewundernswert sind die kurzen Bearbeitungszeiten für die Tanzgesuche. Manchmal wurden sie erst zwei Tage vor dem Tanz in Winterhausen nach Ochsenfurt geschickt, und die Antwort war noch rechtzeitig zurück.                                                                                                                             DKW

 

 

 

 

 

Februar 2020

Aus dem Archiv erzählt
Leibgedinge

Grundbesitz als Gegenwert für ein Leibgeding zu erwerben ist eine feine Sache: Z.B. bekommt Person A von Person B ein Haus und muß als Gegenleistung nichts bezahlen sondern B nur versprechen, für sie bis zu ihrem Ableben etwas genau Festgelegtes zu tun. Wie etwa eine monatliche Geldzahlung, eine Versorgung mit Naturalien oder eine Pflege im Krankheitsfall. Nur leider kann sich die Dauer der Zuwendungen ziemlich in die Länge ziehen und dann von A doch als größere Last empfunden werden. Irgendwann leidet A so sehr, daß er das Ableben von B regelrecht herbeisehnt (oder organisiert). Person B hingegen, je nach Charakter, leidet mit oder ergötzt sich am Leiden von A. (In einem ähnlichen Kontext meinte Arthur Schopenhauer beim Ableben einer von ihm zwangsalimentierten Frau lakonisch: Obit anus, abit onus - die Alte stirbt, die Last vergeht.)

Auch in Winterhausen war der Erwerb von Immobilien gegen ein Leibgeding nicht unüblich. Gerade Witwen, die nach dem Tode ihres Ehemannes keine Einnahmequelle mehr hatten, versuchten auf diese Weise, sich ein lebenslanges Auskommen zu sichern.

Im Jahre 1763 schenkte die Melberswitwe Maria Catharina Gleiß ihrem Sohn Georg Adam ihr Haus gegen die amtlich niedergeschriebenen Erklärung, daß er sie "lebenslang in gesund und kranken Tagen versorgen, verpflegen und warten wolle". Das klappte auch mit einer Schwiegermutter, denn im gleichen Jahr vermachte die Schlosserwitwe Anna Dorothea Hirth ihrem Schwiegersohn Andreas Dürr ihr Haus gegen die Versicherung, daß er sie, wenn sie "bettlägerig werden sollte, heben und legen und ihr aufwarten wolle". Die Maurerswitwe Maria Barbara Heuner übergab ihrem Sohn Johann Georg 1806 ihr Haus mit der Bedingung, daß er sie "lebenslängich im Hause frey behalten und nothdürftig [den Bedürfnissen entsprechend] ernähren und versorgen, auch nach ihrem Todte auf seine Kosten beerdigen lassen solle".

Manchmal wurde auch explizit mit Konsequenzen bei Nichterfüllung der Verpflichtungen gedroht. Die Witwe Maria Barbara Fuchs ließ 1787 bei einem Hausverkauf an Johann Thomas Trunk im Preis nach mit der Bedingung von  lebenslangem Unterhalts und der Pflege. Sollte sie aber nur die geringste Klage erheben, so müsse er sich einem Spruch des Gerichts unterwerfen.

Ein sehr einträgliches Geschäft machte der Pfarrer Philipp Christian Gottlieb Yelin (1767-1785 in Winterhausen), als er 1778 mit dem zweimal geschiedenen Bernhard Feyhl einen Vertrag schloß: Letzterer übereignet Yelin sämtlichen, ziemlich umfangreichen Besitz, bestehend aus einem Haus, Weinbergen, Feldern und Mobiliar. Feyhl sollte dafür bei Yelin wohnen und verpflegt werden. Als Feyhl bereits 1780 starb, gab es jedoch Ärger: Feyhls erste Frau hatte noch 700 Gulden aus ihrem in die Ehe gebrachten Vermögen zu bekommen, die sie jetzt von Yelin verlangte. Der zog die Sache in die Länge, bis er 1784 selbst von seiner Frau geschieden war und diese kurz darauf starb. Jetzt verwies er die Gläubigerin an die Erben seiner geschiedenen Frau. Der Jurist und Reichshofrat Johann Niklas von Schwabenhausen bezeichnete das als "Erbschleicherei", aber Yelin gelang es, die Dinge immer so darzustellen, daß seine Beliebtheit bei den Winterhäusern kaum Schaden nahm.                                   DKW

März 2020

Aus dem Archiv erzählt
Winterhäuser Familien: Die Binder

Der Urvater der Winterhäuser Binder ist Johann Peter Binder (1673 - 1730). Woher er kam, ist unbekannt; aus Winterhausen oder Sommerhausen stammte er jedenfalls nicht. Auch seine ersten drei Kinder wurden nicht hier getauft. Beim Taufeintrag des vierten Kindes wurde er hier "Bestandswirth im Maynwirthshaus" genannt. Er hatte also um 1715 das Mainwirtshaus gepachtet, das sich damals am Main befindliche Wirtshaus Zum Schwanen (Mauritiusplatz 12).

Der Profession des Gastwirtes blieben die Binder lange Zeit treu, als Wirte waren sie aber alle auch gleichzeitig Metzger. Zwei Söhne von Peter Binder wurden wieder Wirte. Johann Georg  besaß ab 1744 das Löwenwirtshaus (das  befand sich damals nicht am Mauritiusplatz 12, wo es später war, sondern in der Alten Brückenstraße 16), verlor es aber um 1750 wieder und wurde gar um 1762 "wegen Diebstahls und anderer Laster" des Landes verwiesen. Also eher ein schwarzes Schaf der Familie. Sein Bruder Johann Andreas war erfolgreicher. Er konnte sich 1744 im Wirtshaus Zum Schiff etablieren, und hier blieben die Binder über vier Generationen bis 1862: Georg Simon ab 1770, Johann Christian ab 1807 und Christian ab 1855. Georg Simon erlebte im Schiff das furchtbare Hochwasser von 1784, wozu es einen interessanten Bericht gibt. Johann Christian war ein recht streitbarer Mensch: Wurde er nach Sommerhausen ins Amt zitiert, schickte er seine Frau, die dann mit +++ unterschrieb. Ein Protokoll, das eine Grenzsteinentfernung seinerseits feststellte, weigerte er sich zu unterschreiben. Zu einem diesbezüglichen Ortstermin schickte er eine Tochter, "da ich nicht geneigt bin, mit dem Viereramte zusammenzutreffen". Wandernde Handwerksburschen ließ er nicht in seinem Wirtshaus übernachten, obwohl er dazu verpflichtet war, usw. usf. Als Schiffswirt konnte man sich damals offenbar eine ganze Menge leisten.

Eine andere Binder-Wirtslinie etablierte sich erfolgreich 1755 im Wirtshaus Zum weißen Schwan: Johann Adam bis 1763, Johann Wolfgang bis 1790, Johann Adam bis 1803 (da zog der Schwan um zum Rathausplatz 3) und Ludwig bis 1827. Der erste Johann Adam machte später im Sommerhäuser Ochsen Karriere. Johann Wolfgang besaß auch zusätzlich noch das alte Löwen-Wirtshaus, das beim Hochwasser 1784 unterging. Ludwigs Frau reichte 1825 die Scheidungsklage ein, worauf 1826 wegen der nötigen Güterteilung das Schwanenwirtshaus versteigert wurde. Das konnte Ludwig wohl nicht verkraften, er brachte am 22. April 1827 erst seine Frau und dann sich selbst mit einem Messer um. Auch sein Sohn Georg Heinrich suizidierte: er erschoß sich 1888 mit einem Gewehr.

Andere Binder waren Büttner, Schreiner (Fährweg 1), Schmied und Bäcker (Fährweg 4), einige Binder dienten der Gemeinde als Feldgeschworene. Luise Binder aus der siebenten Binder-Generation war von 1930 bis 1960 die allseits beliebte, letzte Hebamme in Winterhausen. Sie betrieb eine regelechte Entbindungsstation im Haus Alte Brückenstraße 2, in der wohl etwa 1000 Winter- und Sommerhäuser mit ihrer Hilfe das Licht der Welt erblickten. Diese Winterhäuser Besonderheit könnte man doch mit einer kleinen Tafel am Haus würdigen.   DKW