Januar 2021

Aus dem Archiv erzählt

Schneider, Schneider, meck, meck, meck!

Aus dem Winterhäuser Ratsprotokoll vom 14. Februar 1764:

Nachdem gestern Nachts nach 9. Uhr oberhalb dem Buxthor innerhalb der Fleckensmauer ein sehr heftiger Schuß geschehen, daß die ganze Nachbarschaft in Schrecken gekommen, und augenblicks darnach Herr Amtsschultheiß von Ihren Fenster aus einige Nachtstreuner dasiger Gegend herunter und hinter Ihrem Haus vorbeyspringen sehen, mithin die Vermuthung gehabt, daß diese schon mehr sich bekannt gemachten Nachtschwermer sich beygehen lassen, mit geladenem Gewehr auf der Gassen herumzustreunen und deswegen nöthig erachtet, durch Gemeinddienern und die zwey Nachtwächter auf die ledigen Purschen von Haus zu Haus nachfragen zu lassen.
 
Diesen Morgen aber der Verlaut ergangen, daß der Schneidermeister Andreas Heunisch  wegen schon vielfältig erlittenen Tortes vor seinem Hause auf dieses außerordentlichen Selbsthülffe und Rettungsmittel verfallen, und nach diesen bösen Buben mit seiner Flinte den Schuß gethan habe. So wurde derselbe dato auf das Rathaus beschieden und erzählte darauf die Umstände folgend. Schon fast 3 bis 4 Wochen her seye ihm öfters begegnet, daß von denen muthwilligen Purschen einige vor sein Fenster gekommen und solange da angeklopft, bis Er ihnen Antwort gegeben, sobald er sich dann geregt, so hätten sie angefangen, wie ein Geißbock zu mäckern und mit dem Maul als wie der Bock in der Geilheit zu pfrudeln. Der Herrschaftl. Corporal Engelhart seyn schon etlichemal, und erst gestern wieder nebst H. Bernhard Feihlen, bey ihm zu Nachts in der Stube gewesen, und weilen ersterer diesen Unfug mißbilliget, so habe Er gleichfalls allerhand schnöde Reden hören müssen. Um deswillen habe er sich endlich nimmer fassen können, und seye dahero mit seiner mit Schroth geladenen Flinte hinaus und habe nach diesen bösen Buben den Schuß gethan.
 
Wer diese bösen Buben gestern Nachts eigendlich gewesen, könne Er nicht sagen, aber doch wisse Er soviel, daß einige junge Buben und Purschen bey dem Cantorey-Verweser Sichart zu Nachts in die Geigenstunde gingen, welche diesen Muthwillen verübt haben müßten. Und heute früh sey Er deswegen zu dem H. Sichart und habe mit ihm davon gesprochen. Und dieser gesagt, daß er sie schon deshalb verwarnt habe.
 
Übrigens gab Er auf Vorhalten, daß dieses Selbsthülffemittel hätte unterbleiben sollen, zur Antwort: Es seye das Gelerm und Anklopfen an seinen Fensterladen so heftig gewesen, daß Er geglaubt, Sie würden den Laden gar einschlagen, und nechstdeme habe Er besorgt, sie dörfften ihn einmal die Fenster gar einschlagen und wolle Er dahero gebeten haben, daß man ihme dagegen Schutz und Schirm angedeihen lassen möchte.

Die Sache verlief dann im Sande, wohl weil die Väter von drei der vier Missetäter im Gemeinderat saßen.

DKW

Februar 2021

Aus dem Archiv erzählt

Kettenehen oder Der Winterhäuser Reigen

Kettenehen sind nicht untypisch für die Zeit vor 1800. Dabei handelt es sich um folgenden Vorgang: Beispielsweise stirbt von einem Ehepaar die Frau, worauf der Mann sich eine neue Frau nimmt. Als er dann stirbt, heiratet sie einen Mann (im alten Winterhausen auch Ehenachfahrer genannt), der wiederum sie überlebt und sich neu vermählt usw. Unwillkürlich fällt einem da Der Reigen von Arthur Schnitzler ein, allerdings hier nicht mit einem erotischen sondern einem ökonomischen Hintergrund. Die Menschen wechseln, aber das meist recht stattliche Anwesen mit dem Hausstand bleibt. Dafür findet sich im Bedarfsfall leicht ein Interessent. Da kann die zu heiratende Witwe auch einmal 30 Jahr älter sein, wie im folgenden Beispiel einer Winterhäuser Kettenehe:

  • Im Jahr 1630 heiratet der Winterhäuser Bäcker, Gerichtssenior und Gotteshausmeister Bernhard Hartmann (1595-1660) die Goßmannsdorferin Anastasia Pech (um 1610-1635). Hartmann besaß als Oberbeck das Haus Hauptstraße 5, auf dem ein uraltes Backrecht ruhte.
  • Als Anastasia bei der großen Pestepidemie 1635 starb, nahm sich Hartmann um 1635 die 20 Jahre jüngere Margaretha N.N. (1615-1669) zur Ehefrau, mit der er 25 Jahre lebte.
  • 1660 starb Hartmann, worauf Margaretha 1661 den neun Jahre jüngeren Bäcker Hans Reinhard (1624-1687) von Crock am südlichen Thüringer Wald heiratete. Vielleicht arbeitete er als Bäckergeselle bei ihrem vorigen Ehemann.
  • Nach achtjähriger Ehe starb die Ehefrau, und Reinhard heiratete 1671 die 16 Jahre jüngere Metzgerstochter Margaretha Weidner (1640-1711) von Sommerhausen.
  • Als dann Reinhard 1687 stirbt, heiratet seine Witwe 1689 den etwa 25 Jahre jüngeren Bäcker Hans Melchior Langmann (um 1665-1730) von Adelhofen. Auch das könnte ein Bäckergeselle im Haus gewesen sein. Die Ehe war unglücklich, und Langmann emigrierte nach Uengershausen.
  • Nachdem das Paar geschieden war, kam Langmann wieder zurück nach Winterhausen, erwarb die Bäckerei am Fährweg 4 mit altem Backrecht und heiratete 1711 die etwa 20 Jahre jüngere Winterhäuser Fischerstochter Anna Elisabetha Lorenz (1684-1746).
  • Als Langmann 1730 starb, ehelichte seine Witwe 1745 den 31 Jahre jüngeren Büttner Johann Lorenz Rieder (1715-1771) von Stierhöfstetten, der bereits in Sommerhausen als Sonnenwirt eine Existenz hatte. Trotzdem muß das hier für ihn attraktiv gewesen sein, denn er zog nach Winterhausen zu seiner Ehefrau.
  • Schließlich starb diese bereits nach halbjähriger Ehe (ein Schelm, wer böses dabei denkt), worauf Rieder bereits nach einem Vierteljahr die zehn Jahre jünger Bäckerstochter Anna Veronica Krämer (1725-1804) von Sommerhausen zum Traualtar führte. Diese überlebte ihn dann um 33 Jahre, ohne sich erneut zu verehelichen.

Die Moral von der Geschichte: Wer wohlhabend ist, kann sich auch einen jüngeren Ehegatten leisten.

DKW